[38.]

3015/D 594 401-03

Der Gesandte in Helsingfors Hauschild an das Auswärtige Amt 1)

Helsingfors, den 5. Juli 1926 
Ankunft: 9. Juli nachmittags 
RM 1235
Unter Bezugnahme auf den Erlaß von 12. März d. J. – S 1556 – 2)
Inhalt: Waffenladungen deutscher Schiffe

    Außenminister Setälä bat mich vor einigen Tagen zu sich und kam bei dieser Gelegenheit nochmals auf die angebliche Verschiffung von Kriegsmaterial auf denjenigen deutschen und aus Deutschland gekommenen Schiffen zu sprechen, die im Winter im Finnischen Meerbusen in Eisnot geraten waren. Er erwähnte, es sei hier festgestellt worden, daß sich auf der Altengamme, deren Ladung hier zum Teil gelöscht worden ist, 30 Tonnen Arsenik und 300 Mauserpistolen befunden hätten. Bezüglich letzterer legte er mir die Packlisten der Russischen Handelsvertretung in Berlin vor. (Ein größerer Posten war vorher schon in Estland ausgeladen worden.) Das Arsenik soll nach dem Urteil militärischer Sachverständiger zur Erzeugung außerordentlich großer Mengen von giftigen Gasen geeignet sein, obwohl allerdings ein harmloserer Zweck angegeben worden sei. Auf Dampfer Ingrid Sturm aus Hamburg sollen nach dem Minister Setälä vorliegenden Meldungen chemisches Material und hygienische Artikel transportiert worden sein, deren Verwendung zweifelhaft erscheinen könne. Nach denselben Meldungen seien von dem Dampfer Hochland auf den Eisbrecher Jermak 1 Kiste Flugmaschinenpropeller, 8 Tonnen Sprengstoffe (davon 3 Tonnen Pulver), 5 Tonnen Geschosse, 14 Kisten chemisches Material und 9 Kisten hygienische Artikel umgeladen worden. Ferner seien angeblich auf den russischen Schiffen Proletarier, Snamja und Prawda aus Lübeck Sprengstoffe, auf Karl Marx aus Stettin Geschosse und Gewehrteile verladen gewesen. Der Außenminister bemerkte zu diesen Angaben: die Angelegenheit sei von ihm und den beteiligten Stellen durchaus diskret behandelt worden; sie sei jedoch so vielen Personen bekannt, daß Indiskretionen nicht ausgeschlossen erschienen. Ein hiesiger Reuter-Vertreter habe offenbar Wind davon bekommen und die Absicht geäußert, ein Telegramm darüber abzusenden. Er habe es daher doch für angezeigt gehalten, mit mir mündlich darüber Rücksprache zu nehmen. Wenn er, wie er gleich im Anfang unserer Unterhaltung betonte, auch nicht als Hüter des Versailler Vertrages spreche, so werde es doch verständlich erscheinen, daß solche Lieferungen nach Rußland im Hinblick auf die für diese Schiffe im Winter von finnischer Seite bereitwillig und gern geleistete Hilfe einen unvorteilhaften Eindruck hervorzurufen geeignet seien.

    Ich habe dem Minister erwidert, daß mir seine Angaben in der Hauptsache völlig neu seien, daß ich den ersten finnischen Andeutungen seinerzeit sofort nachgegangen bin und ihm die vom Auswärtigen Amt angestellten Ermittelungen und deren Ergebnisse unverzüglich mitgeteilt hätte. Die bestimmten Angaben der deutschen Reeder vom Februar d. Js. stünden den finnischen Ermittelungen gegenüber. Mauserpistolen, die in den Verladelisten übrigens als Eisenwaren bezeichnet worden sind, dürften nach dem Friedensvertrage hergestellt und ausgeführt werden; sie seien kein Kriegsmaterial. Von der Verschiffung von Jagdpulver hätte ich bereits damals Kenntnis gegeben. Ich versprach jedoch nochmalige genaue Feststellungen an der Hand seiner Angaben, die ich ihm gegenüber mit verschiedenen Fragezeichen versah. Sollten die Sendungen eine harmlosere Deutung wirklich nicht zulassen, dann bedauerte ich das allerdings.

    Ich hatte den Eindruck, daß die Unterhaltung dem Minister recht peinlich war, daß er aber auch für den Fall von unliebsamen Pressekommentaren oder Angriffen auf die Regierung, die bisher ausgeblieben sind, die Angelegenheit jedenfalls zur Sprache gebracht haben wollte. Für mich persönlich wäre der ganze Fall, wenn sich die finnischen Angaben, namentlich bezüglich des Dampfers Altengamme, bewahrheiten sollten, insofern wenig angenehm, als ich im Zusammenhänge mit diesen angeblichen Kriegsmaterialverschiffungen dem Minister gegenüber schon früher sehr deutlich geworden bin und in der Folgezeit auf die bestimmten Erklärungen der deutschen Reeder hin die umlaufenden Gerüchte entschieden dementiert hatte. Ich habe nach den Ausführungen der Reeder vom 13./23. Februar d. Js.3) (Erlaß Nr. S 1556/26 vom 12. März d. Js.) den Eindruck, daß sie den größten Wert auf eine Richtigstellung falscher Gerüchte über Lieferungen von Kriegsmaterial legen. Umsomehr erscheint mir eine nochmalige genaue Nachprüfung der bisherigen Angaben notwendig. Wenn ich auch die dem Revaler Berichte eines finnischen Legationssekretärs daselbst entnommenen Angaben des Ministers mir gegenüber keineswegs als wahr unterstellen will, so macht meines Ermessens die festgestellte Arseniksendung auf der Altengamme, wenn dieses wirklich zum Gaskrieg Verwendung finden kann, angesichts der bekannten und begreiflichen Nervosität in Finnland gegenüber Rußland die Beunruhigung verständlich. Ich möchte diesem psychologischen Moment Rechnung tragen und wäre daher sehr dankbar, wenn ich baldigst, wenn möglich drahtlich, in den Stand gesetzt würde, hier beruhigend zu wirken.4)

Hauschild

(1) Die Vorlage trägt am Rande die Paraphe Sch[ubert]“.
(2) Nicht gefilmt; in den Akten des Referats Schiffahrt, Rußland Nr. 11, Bd. 4.

(3) Schreiben des Verbandes Deutscher Reeder vom 13. und 23. Februar (nicht gefilmt, in den Akten des Referats Schiffahrt, Rußland Nr. 11, Bd. 4).
(4) Siehe Dokument Nr. 69.

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4564/E 163 345-46

Aufzeichnung des Vortragenden Legationsrats von Dirksen

Ganz geheim
Berlin, den 11. August 1926

Aufzeichnung über den gegenwärtigen Stand der angeblichen Waffentransporte durch deutsche Schiffe

I.Offizielle oder inoffizielle Anfragen bzw. Mitteilungen von ausländischer Seite.

    1. Der Finnische Außenminister Setälä macht den Gesandten Hauschild auf die angeblichen Transporte von Waffen und Kriegsmaterial (Arsenik, 
Flugmaschinen, Propeller, Sprengstoffe, Geschosse und chemisches Material) aufmerksam,1) die durch die im Winter im Finnischen Meerbusen in Eisnot geratenen deutschen Schiffe bewerkstelligt wurden.

    2. Generalsekretär Berthelot liest dem Botschafter von Hoesch einen französischen Geheimbericht über dasselbe Thema vor 2) und läßt erkennen, daß er über den Gang der Unterhaltung Setälä-Hauschild unterrichtet ist.

    3. Englischer Botschafter D'Abernon spricht Staatssekretär von Schubert ebenfalls auf die Waffentransporte an, sagt, eine baldige Aufklärung sei wünschenswert, und fügt hinzu, nach seiner Ansicht stamme das Material nicht aus Deutschland, sondern aus Holland oder Schweden, wo es offenbar von Filialen deutscher Firmen hergestellt worden sei.3)

    4. Der frühere Presseattache und jetzige 1. Sekretär in der hiesigen Polnischen Gesandtschaft, Herr Eimer, verteilt augenscheinlich an auswärtige Pressevertreter, jedenfalls an einen amerikanischen Journalisten, fertiggemachte Notizen über die Waffentransporte auf deutschen Schiffen und fügt hinzu, daß er noch viel mehr Material über deutsch-russische militärische Zusammenarbeit habe.4)

    5. Die Action française vom 9. August bringt eine Notiz über die Waffentransporte, die nach ihrer Aufmachung aus der polnischen Quelle zu stammen scheint.5)

II.
Gegenwärtiger Stand der Ermittelungen.

    1. Laut schriftlicher Mitteilung des Reichswehrministeriums 6) steht dieses weder direkt noch indirekt mit den angeblichen Waffentransporten in Verbindung.

    2. Die Marineleitung gibt dieselbe Erklärung ab.7)

    3. Der Verband deutscher Reeder teilt auf Anfrage mit, daß die in Frage kommenden Schiffe von keinem seiner Mitglieder beladen worden seien.8)

    4. Es wird festgestellt, daß die „Derutra" (Deutsch-russische Transitgesellschaft - ein gemischtes deutsch-russisches Unternehmen) die Schiffe gechartert und ihre Beladung vorgenommen hat. Nähere Auskunft wird erst am 13. d. M. gegeben werden können, da der deutsche Direktor der Gesellschaft erst in diesen Tagen von einer Geschäftsreise zurückkehrt.9) Eine strafbare Handlung würde nur vorliegen, wenn die Schiffe mit solcher Ware beladen worden sind, hinsichtlich der gemäß den Bestimmungen des Reichsfinanzministeriums Ausfuhrverbote bestehen. Solche Verbote bestehen jedenfalls nicht hinsichtlich der Ausfuhr von Arsenik und Mauserpistolen.

    Hiermit Herrn Staatssekretär von Schubert mit 2 Doppel gehorsamst vorgelegt.

D[irksen]

(1) Siehe dazu Dokument Nr. 38.
(2) Siehe dazu Telegramm Hoeschs, Nr. 768 vom 3. August, in: Serie B, Band I.2
(3) Siehe dazu Schuberts Aufzeichnung vom 8. August (4564/E 163 337) sowie Dokument Nr. 75, Anm. 2. In seiner Aufzeichnung vom 13. August (4564/E 163 347) bemerkte Schubert u. a.: „Der Reichsminister teilte mir mit, bei seinem heutigen Besuche habe Lord D’Abernon ihm einen Brief Chamberlains vom 9. August zu lesen gegeben.“ In dem Briefe habe sich  „Chamberlain sehr tief beeindruckt gezeigt durch die Munitionsfunde, die auf deutschen Schiffen in den finnischen Gewässern gemacht worden seien.“
(4) Siehe dazu Telegramm Schuberts, Nr. 117 vom 6. August, an die Gesandtschaft in Helsingfors (4564/E 163 336).
(5) Siehe dazu Wertheimer-Telegramm Nr. 5603 vom 9. August (4564/E 163 338-40).
(6) Siehe Schreiben Hauptmann Behschnitts an Dirksen vom 10. August (6698/H 110 841).
(7) Siehe dazu Schreiben Loewenfelds an Dirksen vom 5. August (4564/E 163 332)
(8) Siehe Dokument Nr. 88, Anm. 4.
(9) Zum Ergebnis der Ermittlungen siehe dazu Dokument Nr. 88.

Quelle: Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945.B.II.2.Juni-Dez. 1926, Dokumente 38 u. 81.  Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1967 (Bayerische StaatsBibliothek)