Leitartikel der Neuen Zürcher Zeitung, 14. März 1940
(leicht ge­kürzt wiedergegeben)

Mit der nämlichen bewundernswerten Energie, mit der Finn­land einst zwanzig Jahre lang den Krieg gegen den russischen Zarismus, der seine Eigenart bedrohte, durch alle Mittel juristi­scher Künste und opferbereiter «bürgerlicher Ungehorsamkeit» geführt hat, hat das finnische Volk in den letzten Monaten auf blutigen Schlachtfeldern die Freiheit verteidigt. Der Kampf, der diesmal mit allen militärischen Mitteln ausgefochten werden musste, ging gegen einen gefährlichen Gegner, gegen den roten Imperialismus, der neben den Waffen aus Stahl auch die ideo­logischen Kriegsmittel verwendet. In diesem Kampf ist Finnland unterlegen; an der Niederlage lässt sich leider nicht länger zwei­feln. Die in Moskau vereinbarten Friedensbedingungen erlauben das nicht. Die Sowjetregierung hat fast auf allen Punkten erheb­lich mehr durchgesetzt, als sie im November gefordert hatte. Finnland wird zu einem Schutzstaat des mächtigen Nachbarn, der deutlicher noch als in den Abmachungen mit den baltischen «Randstaaten» als der Nachfolger und Erbe der alten Herrschaft der Zaren erscheint.

Finnland ist ein Opfer der unvermuteten Wendung geworden, die im August 1939 die deutsche Politik genommen hat, als Ribbentrop in Moskau seinen Vertrag mit der Sowjetunion schloss. Schweden ist in der gleichen Lage. Die beiden Staaten setzten in ihrer auswärtigen Politik alles auf den Anschein unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen Deutschland und Russ­land — da der halbasiatische Nachbar bei weitem gefährlicher er­schien, kam es zu einer weitgehenden Bindung an Deutschland, die bei den Finnen schon wegen der Hilfe, die ihnen vor zwanzig Jahren, als sie die neue Freiheit gegen die Bolschewisten vertei­digen mussten, durch ein deutsches Hilfskorps gewährt worden war, eine ausgesprochen gefühlsbetonte Färbung annahm. Der überstürzte Gang der Ereignisse liess weder den Schweden noch den Finnen Zeit, eine Neuorientierung durchzuführen, die immerhin noch möglich gewesen wäre, wenn man wenigstens in den skandinavischen Hauptstädten den Mut und die Entschluss­kraft aufgebracht hätte, aus der Gemeinsamkeit der Interessen, von der man so oft an nordischen Konferenzen geredet hatte, endlich einmal praktische Schlussfolgerungen zu ziehen.

2) Die schwedische Politik war ebenso stark nach Berlin ausge­richtet; noch bei der allerletzten Tagung des Völkerbundsrates vor dem Ausbruch des europäischen Kriegs zeigte sich dies deutlich in der Haltung, die Schweden in der Frage der Wiederbefestigung der Alandsinseln einnahm. Diese Frage ist jetzt, wo sich die rus­sische Flotte in Hangö einnisten wird, gegenstandslos geworden, denn von dort aus kann leicht jeder Versuch im Keim erstickt werden, auf den Alandsinseln, die der schwedischen Küste viel näher liegen als der finnischen, irgend etwas gegen Russland zu unternehmen, das damit wieder, wie vor dem [Ersten] Weltkrieg, zum unumschränkten Herrn im nördlichen Teil der Ostsee und im Bottnischen Meerbusen wird.

3) Der Friedensvertrag von Moskau ist für Finnland hart genug, aber er bedeutet für Schweden und auch für Norwegen eine Dro­hung, die man nicht ernst genug nehmen kann. Die Russen haben vor militärisch tüchtigen Gegnern immer Respekt gehabt, auch wenn sie ihnen, wie früher den Türken, auf Grund ihrer unend­lichen zahlenmässigen Überlegenheit auf die Dauer immer wie­der neue Schläge versetzen konnten. In Finnland hat die Rote Armee in ein arges Wespennest gestochen, und es ist durchaus denkbar, dass die Moskauer Regierung wenigstens auf absehbare Zeit hinaus genug von diesem bösen Spiele hat. Den skandinavi­schen Staaten gegenüber fühlt man sich in Moskau aber unzwei­felhaft überlegen, politisch sowohl wie militärisch.

5) Man wird kaum mit voller Gewissheit feststellen können, ob das Hilfsversprechen der Alliierten, das den Finnen vor einigen Wochen gegeben wurde und das vielleicht mehr Bedeutung erlangt hätte, wenn man sich in London und in Paris früher zur Veröffentlichung dieser Tatsache entschlossen hätte, die Verhand­lungen in Moskau irgendwie beeinflusst hat. Unmöglich ist das nicht, denn so hart auch die Bedingungen sind, mit denen sich die finnische Delegation abfinden musste, so hat doch die Sowjetregierung in einem Punkt, der für den finnischen Staat und seinen Fortbestand lebenswichtig ist, nachgegeben: Kuusinens Marionettenregierung ist fallengelassen worden, der Friedensver­trag wird mit der legitimen Regierung von Helsingfors abge­schlossen, die vor wenigen Wochen noch in den Sowjetblättern als «Mannerheims Gaunerbande» beschimpft wurde. Man braucht übrigens den Moskauer Friedensvertrag nur mit ähnlichen Instru­menten zu vergleichen, die während des Weltkrieges von der deutschen Heeresleitung den Russen und den Rumänen aufge­zwungen wurden, von näherliegenden Beispielen gar nicht zu reden, um zuzugeben, dass die Regierung des Kreml sich immer noch zu einer gewissen Mässigung veranlasst sieht, die wohl nicht ganz ohne Rücksicht auf die weltpolitische Lage zu verstehen ist. Solange man in Moskau ernsthaft mit der Möglichkeit rechnet, dass auch die skandinavischen Staaten ein Hilfsversprechen der westlichen Alliierten erhalten könnten, vielleicht sogar rechtzeitig und in wirksamer Form, wird man wohl die Expansionspläne gegen den Atlantischen Ozean einstweilen zurückstellen. Das gilt natürlich vor allem für den Fall, dass Stalin zunächst andere, viel­leicht leichter zu erreichende Ziele locken sollten.

Soweit der in den ersten Wochen recht klägliche Verlauf des Feldzuges der Roten Armee im Innern Russlands das Prestige Sta­lins beeinträchtigt hat — angesichts der im Sowjetparadies herr­schenden Zustände darf man übrigens diese Möglichkeit nicht allzu hoch schätzen —, bedeutet der Moskauer Friedensvertrag wohl eine ausreichende Rehabilitierung. Der Eindruck, den die militärischen Misserfolge der Russen auf dem finnischen Kriegs-Schauplatz in der übrigen Welt gemacht haben, lässt sich freilich nicht so schnell wieder verwischen. Die Gefahr liegt nahe, dass bei den künftigen Entschlüssen Stalins auch der Wunsch mit­spielt, diese Scharte wiederauszuwetzen.

In Schweden scheint eine lebhafte Auseinandersetzung über die Verantwortlichkeiten an den unheilvollen und bedrohlichen Vorgängen der letzten Monate bereits eingesetzt zu haben. Man wird wohl auch in Norwegen mit Nutzen eine ähnliche Gewis­sensforschung anstellen. Dabei dürfen sich die nordischen Völker nicht verhehlen, dass ihnen das Urteil der Aussenwelt, das in die­sem Falle wohl das künftige Urteil der Geschichte vorwegnimmt, auch ein Gutteil der Verantwortung für die zögernde Haltung der Alliierten zuweist, die doch schliesslich am Schicksal Finnlands viel weniger direkt interessiert waren als Schweden und Nor­wegen. Wenn sich die beiden skandinavischen Königreiche un­mittelbar nach dem russischen Angriff auf Finnland zu einer heroischen Haltung aufgeschwungen hätten, so wäre ganz sicher in Frankreich und in England ein Echo geweckt worden, das viel­leicht sogar jenseits des Ozeans vernehmlich gewesen wäre. An Hilfsbereitschaft hat es freilich bei den Schweden und bei den Norwegern nicht gefehlt, und die militärischen Leistungen der schwedischen Freiwilligen sind auch vom finnischen Heerführer, Marschall Mannerheim, ausdrücklich anerkannt worden. Aber die politischen Bedenken, die sich aus der Ratlosigkeit erklären las­sen, die nach dem Zusammenbruch der traditionellen Politik und ihrer Grundlagen einen Teil der schwedischen Politiker ergriff, waren für die Entschlüsse der Regierung massgebend, die den westlichen Alliierten beim ersten Auftauchen des Gedankens einer militärischen Hilfsexpedition zu verstehen gab, dass die Neutralität Skandinaviens die Verweigerung des Durchzugs einer solchen Streitmacht bedingen würde.

Es war allerdings denkbar, diese Klippe zu umfahren und mit der britischen Flotte vor Petsamo und vor der Murmanskküste eine Aktion einzuleiten. Aber die militärischen Aussichten einer solchen Unternehmung waren, wie die Engländer aus ihren Er­fahrungen mit der Besetzung von Archangelsk wissen, nicht ge­rade ermutigend — die militärische Entwicklung der Lage auf dem Hauptkriegsschauplatz auf der Karelischen Landenge wäre da­durch überhaupt kaum beeinflusst worden. Sich über den Wider­stand der Skandinavier einfach hinwegzusetzen, mit Gewalt den Durchzug einer Expeditionsarmee zu erzwingen, auf die Gefahr hin, dass in Schweden ein Bürgerkrieg ausgebrochen wäre, der das Land einer deutschen «Gegenintervention», die durchaus kein leeres Gespenst war, vollends hilflos ausgeliefert hätte, das wäre vielleicht ein Abenteuer nach dem Sinne Churchills [damals noch nicht Premierminister] gewesen. Die Bedenken, die Daladier am schärfsten formuliert hat, die aber sicherlich auch in London sorg­fältig auf die Waagschale der Entschlüsse gelegt wurden, darf man keineswegs schon deshalb als unpolitisch oder gar als heuchlerisch bezeichnen, weil sie letzten Endes auf moralischen Erwägungen beruhen. Diese Erwägungen spielen für die Politik der West­mächte eine sehr reale Rolle. Man wird schon deshalb gut daran tun, den Friedensschluss von Moskau nicht unbedingt als einen Vorteil für die deutsche Politik zu buchen.


Quelle:Andreas Doepfner: Finnlands Winterkrieg 1939/1940. Dokumentation aus neutraler Sicht. Verlag Neue Zürcher Zeitung, 1989.

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