Aufzeichnung des Reichsaußenministers

RAM Nr. 60 Berlin, den 11. Dezember 1939.

I. Ich bat den Russischen Botschafter, mich heute um 17.00 Uhr aufzusuchen.
Zu Beginn unserer Unterredung wies ich Herrn Schkvartzev auf die Unzweck-mäßigkeit der gestern von der TASS-Agentur verbreiteten Meldung über angebliche Waffenlieferungen durch Deutschland nach Finnland hin. Ich betonte hierbei, daß diese Meldung bereits gestern von deutscher Seite dementiert worden sei. Um so mehr müsse ich bedauern, daß diese augenscheinlich von englischer Seite über Schweden lancierte Meldung, die lediglich dazu bestimmt sei, Unfrieden zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu stiften, in so hervortretender Weise von der amtlichen russischen Agentur übernommen wurde.
Hinsichtlich des Waffengeschäfts mit Finnland machte ich ihm folgende Mitteilung:

1) Deutschland habe vor Beginn der Feindseligkeiten im vergangenen Sommer mit Finnland Lieferung gewisser Flakgeschütze gegen Nickellieferungen aus Finnland vereinbart. Nach dem Beginn der Feindseligkeiten seien weitere Lieferungen unterblieben.
2) Die Italienische Regierung habe im Oktober angefragt, ob Deutschland bereit sei, den Durchtransport von 50 Flugzeugen nach Finnland zu gestatten. Damals war noch nicht vorauszusehen, daß zwischen Rußland und Finnland Kriegsmaßnahmen bevorstehen würden. Die Deutsche Regierung habe infolgedessen wohl den Transport auf dem Luftwege abgelehnt, jedoch gegen einen Transport auf dem Eisenbahnweg keine Bedenken erhoben. Die Italienische Regierung sei jedoch auf diese Angelegenheit nicht zurückgekommen, und es seien weder von italienischer noch von finnischer Seite Anträge auf Durchfahrgenehmigung für Flugzeuge gestellt worden.
3) Vor einiger Zeit sei der Antrag gestellt worden, gewisses, für Finnland bestimmtes Kriegsmaterial von Belgien durch Deutschland zu transportieren. Auch dieser Antrag sei abgelehnt worden.
Ich bäte nun den Russischen Botschafter, seine Regierung von Vorstehendem zu informieren und darauf hinzuweisen, daß mit Veröffentlichungen wie der erwähnten TASS-Meldung lediglich das Spiel Englands getrieben werde. England stehe hinter Finnland, und nach mir vorliegenden Informationen sei auch England verantwortlich für das Scheitern der russisch-finnischen Verhandlungen im vergangenen November. Ich wäre dankbar, wenn die Russische Regierung die TASS-Agentur veranlassen würde, in Zukunft vor der Hinausgabe solcher Meldungen entweder mit der Deutschen Botschaft in Moskau oder mit Berlin vorher Fühlung zu nehmen, damit solche unangenehmen Vorfälle vermieden würden.
Der Russische Botschafter zeigte Verständnis für meine Auffassung und versprach, seiner Regierung entsprechend zu berichten.

II. Ich sprach alsdann den Russischen Botschafter auf die von der russischen Handelsdelegation vorgebrachten weitgehenden Wünsche auf militärische Lieferungen an. Ich wolle vorausschicken, daß ich Anweisung gegeben habe, den russischen Wünschen in jeder denkbaren Weise bis an die Grenze des Möglichen entgegenzukommen. Man dürfe aber nicht vergessen, daß sich Deutschland im Krieg befinde, und daß gewisse Dinge einfach nicht möglich seien. Wie mir inzwischen mitgeteilt worden sei, habe man inzwischen eine neue Basis gefunden, auf Grund derer demnächst in Moskau zwischen der zurückgekehrten russischen Delegation und unseren Unterhändlern die weiteren Verhandlungen zum Abschluß gebracht werden können, Ich bitte aber den Russischen Botschafter, in Moskau darauf hinzuweisen, daß von deutscher Seite das Menschenmögliche getan worden sei und daß man darüber hinaus nicht gehen könne.
Der Russische Botschafter versprach, in diesem Sinne nach Moskau zu berichten, und hob hervor, daß selbstverständlich von russischer Seite alle militärischen Informationen, die die russische Delegation hier erhalten habe, geheim gehalten würden.
Ich erklärte dem Russischen Botschafter, daß wir volles Vertrauen in die russischen Zusagen setzten, man müsse aber auf russischer Seite verstehen, daß wir gewisses Material während des Krieges nicht liefern könnten.

R[ibbentrop]


Source: Nazi-Soviet relations 1939-1941. Documents from the Archives of The German Foreign Office. Washington, Department of State, publication 3023, 1948. - Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945, Serie D. Band VIII, 438, P. Keppler Verlag KG, 1961.

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