Nürnberger Dokument Nr. 064-C
Beweisstück GB-86

Bericht des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine an den Führer am 12. Dezember 1939, 12 Uhr mittags

Ebenfalls anwesend: Generaloberst Keitel, Generalmajor Jodl, Korvettenkapitän von Puttkamer.

Betrifft: Angelegenheit Norwegen,
Ob. d. M. hat die beiden Herren Q[uisling] und H[agelin] empfangen. Q., früher Kriegsminister, Führer der Nationalen Partei, macht zuverlässigen Eindruck, berichtet: Stimmung in Norwegen sehr stark gegen Deutschland eingestellt, infolge Konfliktes Finnland-Rußland in noch höherem Maße als bisher. Einfluß Englands sehr groß, vor allem durch Storting-Präsident Hambro (Jude und Freund von Hore-Belisha), der in N[orwegen] zur Zeit allmächtig. Abmachung zwischen England und N. betreffs ev. Besetzung Norwegens besteht nach Q's Überzeugung. Dann würde auch Schweden sich gegen Deutschland stellen. Gefahr der Besetzung Norwegens durch England sehr drohend: in Kürze möglich. Vom 11. 1. 40 an ist Storting und damit Regierung Norwegens illegal, da der Storting seine Verlängerung um 1 Jahr selbst beschlossen hat gegen die Verfassung. Dies würde eine Gelegenheit zu einer politischen Umwälzung geben können. Q. hat gute Beziehungen zu Offizieren des norwegischen Heeres und hat Anhänger in wichtigen Plätzen und in wichtigen Stellungen (z. B. Eisenbahn). Q. ist bereit, in solchem Falle die Regierung zu übernehmen und Deutschland zu Hilfe zu rufen. Q. ist ferner bereit, Vorbereitungen militärischer Art mit der deutschen Wehrmacht zu besprechen.
Ob. d. M. weist darauf hin, daß man bei solchen Angeboten nie wissen kann, wieviel die betreffenden Personen die eigenen Parteiabsichten fördern wollten und wieweit ihnen die deutschen Interessen am Herzen lägen. Daher Vorsicht geboten. - Es müsse ausgeschlossen sein, daß Norwegen in die Hände Englands falle, das kann kriegsentscheidend sein; denn dann sei auch Schweden völlig unter dem Einfluß Englands, und es werde wohl der Krieg in die Ostsee getragen werden, wodurch die deutsche Marine in der Ozean- und Nordseekriegführung völlig behindert werden würde. Auch der Führer bezeichnete die Inbesitznahme Norwegens durch England als untragbar. Ob. d. M. wies darauf hin, daß Besetzung von Stützpunkten an der Küste von Norwegen durch Deutschland naturgemäß starke englische Gegenwirkung hervorrufen würde, um den Erztransport von Narvik zu unterbinden, und daß dadurch starke Überwasserkriegführung an der norwegischen Küste bewirkt würde, der die deutsche Marine auf die Dauer noch nicht gewachsen wäre. Dies sei ein Schwächepunkt der Besetzung.
Der Führer erwog, Q. persönlich zu sprechen, um Eindruck von ihm zu gewinnen: Er wolle Reichsleiter Rosenberg vorher noch einmal hören, da dieser Q. seit längerer Zeit kennt. Ob. d. M. schlägt vor, falls Führer günstigen Eindruck erhalte, sollte OKW Erlaubnis bekommen, mit Q. Pläne zur Vorbereitung und Durchführung der Besetzung a) auf friedlichem Wege - d. h. deutsche Wehrmacht von Norwegen gerufen - oder b) auf gewaltsame Weise zu vereinbaren.
2.) Ob. d. M. befürwortet, recht klare Linie im Rußland-Finnland-Konflikt einzuhalten: Keine Unterstützung Finnlands durch Waffen (auf dem Wege über das unzuverlässige Schweden). Chef OKW erklärt, es sei Auswärtigem Amt für Schweden mitgeteilt, daß Waffen an Schweden nur geliefert würden, falls die Regierung schriftlich bescheinige, daß sie nur für die schwedische Wehrmacht verwendet würden.
Ob. d. M. befürwortet auf der anderen Seite Entgegenkommen gegenüber Rußland, z. B. bei Ölversorgung der U-Boote, da Rußland uns praktisch auch Vorteile böte, z. B. Festhalten fremder Dampfer in Murmansk bis 3 Tage nach Abfahrt Bremen.
Führer ist mit beiden Punkten einverstanden.

gez. Raeder
F.d.R. Assmann


Quelle: Documents on German foreign policy 1918-1945. Series D. Volume VIII. No. 471. Washington, Department of State, publication 5436, 1954. - Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945, Serie D. Band VIII, 471, P. Keppler Verlag KG, 1961.

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