Der Gesandte in Reval an das Auswärtige Amt

Nr. 301 Reval, den 19. Januar 1940
Eingegangen: 25. Januar
Pol. VI 247
Inhalt: Finnisch-russischer Konflikt.

Vorgestern hatte ich bei einem gesellschaftlichen Anlaß auf der Gesandtschaft Gelegenheit zu einer längeren vertraulichen Unterhaltung mit dem Oberbefehlshaber General Laidoner. Der General, der bekanntlich auch außerhalb des Militärischen in Estland einen bestimmenden Einfluß, namentlich in außenpolitischen Fragen, ausübt, sprach sich recht offen über die Beobachtungen aus, die er anläßlich seines Besuchs in Moskau von Mitte Dezember gemacht hat. Nach seinen Mitteilungen ist er vier oder fünf Mal mit Stalin zusammengekommen und hat mit ihm teilweise sehr lange Unterhaltungen geführt, bei denen begreiflicherweise der finnisch-sowjetrussische Konflikt eine erhebliche Rolle spielte.
Aus den Äußerungen Stalins, so führte der General aus, habe er im allgemeinen den Eindruck gewonnen, daß dieser eine Eingliederung Finnlands in das Staatsgebiet der Sowjetunion tatsächlich nicht erstrebe. Vielmehr beabsichtige er anscheinend, sich ähnlich wie bei den baltischen Staaten, mit der Gewinnung bestimmter strategischer Punkte und einer Klärung des sowjetrussisch-finnischen Verhältnisses in dem Sinn zu begnügen, daß dieses nicht auf die Seite der Gegner der Sowjetunion treten könne. Diese Lösung halte er anscheinend für ausreichend und dem Gesamtinteresse der Sowjetunion vorteilhafter als eine Eingliederung.
Zu gewissen, auch dem Auswärtigen Amt bekannten Nachrichten, wonach der Konflikt von dem sowjetrusssischen Militärbefehlshaber des Leningrader Bezirks eigenmächtig und eigentlich gegen den Willen der Moskauer Zentrale heraufbeschworen sei, erklärte der General, dies sei seines Wissens nicht zutreffend. Wohl aber halte er es für richtig, daß der Parteisekretär des Leningrader Bezirks, Zhdanov, durch die Art seiner Berichterstattung auf die Willensbildung der Moskauer Zentrale in dem Sinn einer scharfen Zuspitzung des Konflikts hingearbeitet habe, die dann zu dem Ausbruch der militärischen Feindseligkeiten geführt habe. Zhdanov sei seines Wissens seit einiger Zeit von der Bildfläche verschwunden; es sei wohl möglich, daß er auf Grund der Entwicklung der Ereignisse in Ungnade gefallen und von seinem Posten zurückgezogen worden sei. Offensichtlich habe die Sowjetregierung tatsächlich die Situation hinsichtlich Finnlands und die Aussichten für ihr eigenes Vorgehen Anfang Dezember falsch eingeschätzt, wobei vielleicht auch die Berichte von Kuusinen über die innerpolitischen Verhältnisse in Finnland eine gewisse Rolle gespielt haben könnten.
Trotzdem sei es klar, daß die Sowjetunion schon aus Gründen ihres Prestiges die einmal eingeleitete Aktion jetzt weiterführen müsse; hiervon werde sie sich durch die militärischen Rückschläge, die die russischen Truppen durch die Finnen erlitten hätten, nicht abbringen lassen. Die Finnen hätten in ihrer weitgehenden gefühlsmäßigen Sympathie für die skandinavisch-englische Orientierung viel zu sehr die realpolitischen Gegebenheiten aus dem Auge verloren und auch ihrerseits die Russen unterschätzt. Zuerst habe man geglaubt, daß diese doch nicht Ernst machen würden, was sich als Täuschung herausgestellt habe. Jetzt scheine man in Finnland große Hoffnungen auf die Genfer Völkerbundresolution, die Sympathieerklärungen vieler Länder, darunter namentlich Englands und Frankreichs, die gelegentlichen Unterstützungen durch Spenden, Freiwillige und dergl. zu gründen, was sich ebenfalls als Täuschung herausstellen werde. Eine wirklich wirksame Hilfeleistung in Gestalt von Truppen würde Finnland trotz aller Sympathieerklärungen doch, nicht von anderen Ländern erhalten; vielmehr werde es, ebenso wie dies Polen ergangen sei, auf sich allein gestellt bleiben. Finnland sei eben ein weiteres Beispiel dafür, wie der kaum begreifliche Nimbus, der trotz aller Erfahrungen noch immer von England ausgehe, manche Länder auch jetzt noch geradezu betöre.
Was die Beendigung des Konflikts angehe, so halte er, der General, eine gütliche Einigung zwischen den Parteien auch jetzt noch für durchaus möglich. Finnland habe ja selbst zu verstehen gegeben, daß es zu Verhandlungen bereit sei. Allerdings habe der Außenminister Tanner den Fehler begangen, gleichzeitig durch polemische Wendungen die außergewöhnlich empfindlichen und nachtragenden Sowjetrussen wieder vor den Kopf zu stoßen, so daß es zweifelhaft sei, ob bei einer Mitwirkung dieses bei den Sowjetrussen besonders unbeliebten Herrn überhaupt ein Einvernehmen je erreicht werden könne. Auch die Sowjetunion wäre seiner Überzeugung nach einer Einigung mit Finnland durch einen Kompromiß nicht abgeneigt, wennschon vielleicht nicht gerade in dem gegenwärtigen Zeitpunkt, wo die Rote Armee gerade Rückschläge erlitten habe, deren Ausgleich das Prestige Sowjetrußlands verlange. Der psychologische Moment könne seiner Ansicht nach aber möglicherweise bald eintreten. Die Regierung Kuusinen halte er, der General, nicht für ein wesentliches Hindernis, denn er glaube, daß Stalin Kuusinen ohne Zögern fallen lassen werde, wenn ihm dies im Interesse einer den Russen annehmbar erscheinenden Lösung zweckmäßig erscheine, da Kuusinen für Stalin doch nur eine Figur, nicht einen realen Machtfaktor darstelle.
Eine Einzelheit, die der General von seinem Moskauer Besuch erzählte, mag noch erwähnt werden: bei einem der sich teilweise sehr lang hinziehenden Abendessen in Moskau, auf dem nach russischer Art viele Tischreden gehalten worden seien, habe Stalin zu ihm, dem General, in vorgerückter Stunde gesagt, er wolle jetzt einen Trinkspruch halten, der manche der Anwesenden in Erstaunen setzen und vielleicht nicht von allen gebilligt werde. Dann sei Stalin aufgestanden und habe sein Glas erhoben „auf die Unabhängigkeit und die Volksregierung Finnlands".
Von den sonstigen Äußerungen des Generals in der Unterhaltung ist noch eine Bemerkung zur Frage der Kriegsursachen von Interesse. Der General erklärte, auf seinem Besuch in Warschau vom März 1939 habe er den unverkennbaren Eindruck gehabt, daß Beck und einige ihm nahestehende Persönlichkeiten die kommende große Gefahr für Polen durchaus gesehen hätten und geneigt gewesen wären, auf die Angebote des Führers einzugehen. Die große Mehrheit der Polen sei jedoch durch die Garantie Englands wie von Sinnen und jeder vernünftigen Überlegung beraubt gewesen. Das Gefühl, daß ihnen nun nichts mehr passieren könne, sei so überwältigend gewesen, daß Beck überhaupt nicht mehr mit seinen eigentlichen Ansichten hätte durchdringen können. Es sei ihm sogar, wie er, der General, gehört habe, von einem der führenden Militärs, wohl dem General Kaprecinski, erklärt worden, wenn er seine Versöhnungstendenzen weiter verfolge, riskiere er die physische Vernichtung.

Frohwein


Quelle: Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945, Serie D. Band VIII, 556, P. Keppler Verlag KG, 1961.

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