Aufzeichnung des Deutschen Botschafters in der Sowjetunion vom 11. April 1940

Tgb. Nr. A. 1833/40
Moskau, den 11. April 1940.

A u f z e i c h n u n g.

Seit einiger Zeit haben wir bei der Sowjet-Regierung einen deutlichen Umschwung zu unseren Ungunsten feststellen müssen. Auf allen Gebieten sind wir plötzlich auf zum Teil völlig unnötige Widerstände gestoßen; selbst in kleinen Dingen wie Paßvisen hat man angefangen, Schwierigkeiten zu machen; die Vertragsmäßig zugestandene Herausgabe der von den Polen ins Gefängnis gesteckten Volksdeutschen ist nicht zu erreichen gewesen; die Ausweisungen der seit langem in sowjetischen Gefängnissen sitzenden Reichsdeutschen haben plötzlich gestockt; die Sowjetregierung hat ihre bereits gegebenen Versprechungen betreffend die unsere Marine interessierende „Basis Nord" auf einmal zurückgezogen usw. usw. Diese überall bemerkbaren Widerstände haben ihren Höhepunkt in der Einstellung der Petroleum- und Getreidelieferungen an uns gefunden. Am 5. d. M. habe ich eine lange Unterredung mit Herrn Mikojan gehabt, bei der der Volkskommissar sehr ablehnend gewesen ist. Ich habe die größte Mühe aufbieten müssen, um ihn wenigstens zum teilweisen Nachgeben zu bewegen.
Wir haben uns Vergeblich gefragt, was wohl der Anlaß für den plötzlichen Stimmungswechsel bei den Sowjetbehörden sein könnte. Es war doch gar nichts "passiert"! Ich bin auf die Vermutung gekommen, daß das ungeheure Geschrei unserer Feinde und ihre schweren Angriffe auf die Neutralen — darunter insbesondere auf die Sowjet-Union selber — und auf die Neutralität überhaupt nicht ohne Eindruck auf die Sowjetregierung geblieben sind, daß sie gefürchtet hat, durch die Entente zu einem großen Kriege gezwungen zu werden, zu dem sie nicht fähig ist, und daß sie aus diesem Grunde alles hat vermeiden wollen, was den Engländern und Franzosen den Vorwand hätte geben können, der Sowjetunion unneutrales Verhalten oder gar Parteinahme für Deutschland vorzuwerfen. Mir ist es erschienen, als ob bereits der schnelle Abbruch des finnischen Krieges aus ähnlichen Erwägungen erfolgt ist. Natürlich ist irgendein Beweis für diese Vermutungen nicht zu erbringen gewesen. Immerhin hatte sich die Lage so zugespitzt, daß ich beschlossen hatte, Herrn Molotow aufzusuchen, diese Dinge mit ihm zu besprechen und nach dieser Unterredung das Auswärtige Amt zu verständigen. Deshalb hatte ich bereits am 8. d. M. gebeten, Herrn Molotow aufsuchen zu dürfen, d. h. vor den skandinavischen Ereignissen. De facto ist der Besuch bei Herrn Molotow erst am 9. vormittags, d. h. nach unserer skandinavischen Aktion zustandegekommen. Bei dieser Unterredung hat sich herausgestellt, daß die Sowjetregierung von neuem total umgeschwenkt hatte. Plötzlich ist die Einstellung der Petroleum- und Getreidelieferungen als "Übereifer untergeordneter Organe" (Herr Mikojan ist Stellvertretender Präsident des Rates der Volkskommissare, also die höchste Sowjet-Persönlichkeit nach Herrn Molotow!) bezeichnet worden, die sofort abgestellt werden würde. Herr Molotow war die Liebenswürdigkeit in Person, ging bereitwilligst auf alle unsere Beschwerden ein und versprach Abhilfe. Er hat — und zwar von selbst — eine Anzahl uns interessierender Punkte angeschnitten und deren Erledigung im positiven Sinne mitgeteilt. Ich muß ehrlich sagen, daß ich über den Wechsel völlig verblüfft gewesen bin.
Meines Erachtens gibt es für diesen Umschwung nur eine Erklärung: unsere skandinavische Aktion muß der Sowjet-Regierung eine ungeheure Erleichterung gebracht, ihr sozusagen einen Stein von der Brust gewälzt haben. Worin ihre Sorgen bestanden haben, ist wiederum nicht mit Sicherheit festzustellen. Ich vermute folgendes: Die Sowjet-Regierung ist stets ganz außerordentlich gut unterrichtet. Wenn die Engländer und Franzosen beabsichtigt haben, Norwegen und Schweden zu besetzen, so kann mit Sicherheit angenommen werden, daß die Sowjet-Regierung diese Pläne gekannt hat. Sie haben ihr offenbar einen furchtbaren Schrecken eingejagt. Die Sowjet-Regierung hat die Engländer und Franzosen bereits an den Ufern der Ostsee erscheinen und die finnische Frage, wie Lord Halifax angekündigt hatte, wieder aufgerollt gesehen; endlich als größten aller Schrecken: die Gefahr, in einen Krieg mit zwei Großmächten hineingezogen zu werden. Diese Angst ist ihr offenbar durch uns genommen worden. Nur so läßt sich die völlig veränderte Haltung des Herrn Molotow verstehen. Der heutige lange und auffallende Artikel in den "Iswestija" über unsere skandinavische Aktion — er ist Ihnen bereits telegrafisch zugegangen — klingt wie ein einziger Schrei der Erleichterung. Jedenfalls aber ist wenigstens im Augenblick hier wieder „alles in Ordnung" und unsere Angelegenheiten laufen so, wie sie laufen sollen.

(gez.) Schulenburg


Quelle: Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1939-1941. Dokumente des Auswärtigen Amtes. 129. H. Laupp'sche Buchhandlung, Tübingen, 1949.

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