In English.

1576/381 714-16

Gesandter von Grundherr (Pol. Abt.) an den Reichsaußenminister

Fernschreiben

Nr. 285 an Baumschule

Berlin,den 17. Juni 1940 18 Uhr 55
Pol. VI 1759
Für Sonnleithner.
Auf Telegramm Baumschule Nr. 57 vom 16.6.1)

I. Die Zusammenarbeit der baltischen Staaten Estland, Lettland, Litauen gründet sich auf den für 10 Jahre abgeschlossenen Verständigungs- und Zusammenarbeitsvertrag dieser 3 Staaten vom 12. September 1934.2) Außerdem haben Lettland und Estland am 1. November 1923 ein Verteidigungsbündnis miteinander abgeschlossen.3) In der Praxis bestand die politische Zusammenarbeit im wesentlichen in halbjährigen Außenminister- und in gemeinsamen Pressekonferenzen; zudem gab es innerhalb der baltischen Entente häufig mancherlei Mißstimmungen und Rivalitäten. An der für Litauen wichtigen Memel- und Wilnafrage hatten sich Lettland und Estland ausdrücklich desinteressiert. Die jetzt russischerseits aufgestellte Behauptung, Litauen sei dem estnisch-lettischen Militärbündnis beigetreten, entbehrt nach den hier vorliegenden Nachrichten jeder Grundlage. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit der drei Staaten hat trotz mancher Bemühungen in den letzten Jahren angesichts der sehr ähnlichen Wirtschaftsstrukturen dieser Länder keine wesentlichen Fortschritte gemacht. Eine engere Zusammenarbeit der baltischen Staaten mit antirussischer Tendenz hat seit Abschluß der sowjetrussischen Beistandspakte mit den baltischen Ländern im September—Oktober 1939 nicht stattgefunden. Die drei baltischen Regierungen waren sich angesichts der Besetzung ihrer Länder mit sowjetrussischen Truppen der Gefahren einer solchen Politik bewußt.

II. Aus demselben Grund kann von einer außenpolitischen Anlehnung der baltischen Staaten an Deutschland in den letzten Monaten nicht gesprochen werden. Die Litauische Regierung ist sich allerdings bis in die letzten Tage wohl nicht ganz klar darüber gewesen, ob wir uns an Litauen politisch völlig desinteressiert hätten oder nicht, so daß in manchen Kreisen, z. B. beim hiesigen Litauischen Gesandten,4) vielleicht noch eine gewisse Hoffnung bestand, Deutschland würde bei weiteren russischen Forderungen in Moskau für Litauen ein gutes Wort einlegen, obwohl unsererseits zu einer solchen Auffassung selbstverständlich niemals Anlaß gegeben worden ist.

Dagegen sind seit Kriegsbeginn unsere Wirtschaftsbeziehungen zu den baltischen Staaten sehr intensiviert worden. Ober die große kriegswirtschaftliche Bedeutung der baltischen Staaten für das Reich vgl. die anliegende Aufzeichnung von Gesandten Schnurre.

Grundherr

[Anlage]

Berlin, den 17. Juni 1940

Die wirtschaftliche Bedeutung der drei Baltenstaaten für unsere Versorgung mit Nahrungsmitteln und kriegswichtigen Rohstoffen ist durch die während des letzten Jahres abgeschlossenen Wirtschaftsverträge mit diesen drei Staaten sehr erheblich geworden.5) Wir haben außerdem im Laufe des letzten halben Jahres mit allen drei Staaten Geheimverträge abgeschlossen, durch die die gesamte Ausfuhr dieser Länder abzüglich des geringen Teils, der nach Rußland geht, und abzüglich eines weiteren geringen Teils, der nach neutralen Ländern geht, nach Deutschland gelenkt wird.6) Das bedeutet bei allen drei Staaten etwa 70% ihrer gesamten Ausfuhr. Wertmäßig wird die deutsche Einfuhr aus den drei Baltenstaaten im laufenden Jahr insgesamt rund 200 Millionen RM betragen, die sich auf Getreide, Schweine, Butter, Eier, Flachs, Holz, Sämereien und bei Estland Mineralöl verteilen.

Die Stabilisierung des russischen Einflusses in diesen Gebieten bedeutet für uns eine schwere Gefährdung dieser für uns notwendigen Zufuhren. Einmal werden die Russen alles daran setzen, die Rohstoffe und insbesondere Nahrungsmittel im Lande zu behalten und für sich zu verwerten. Andererseits werden sie, wenn ein Teil weiter nach Deutschland geht, ganz andere Forderungen hinsichtlich der zu liefernden deutschen Erzeugnisse stellen, als dies bisher die Baltenstaaten taten, so daß praktisch daran die Fortsetzung des bisherigen Warenaustausches scheitern wird. Die Lieferwünsche der Baltenstaaten konnten von uns sehr viel leichter erfüllt werden; in vielen Fällen konnten diese Staaten unter dem Druck der Verhältnisse auch auf später vertröstet werden.

Demgegenüber sind die wirtschaftlichen Interessen der Sowjetunion in den drei Baltenstaaten von untergeordneter Bedeutung. Die Sowjetunion hat sich nur etwa 10% des Außenhandels dieser Länder durch ihre kürzlich abgeschlossenen Verträge sichern können.

Schnurre

(5) Der Vertrag mit Lettland vom 21. Dez. 1939 ist abgedruckt im Reichsgesetzblatt, 1940, Teil II, Nr. 3, S. 13—14. Das vertrauliche Zusatzprotokoll und Anhänge sind nicht gedruckt (5920/E 435 292-313). Der Vertrag mit Estland vom 7. Okt. 1939 ist abgedruckt im Reichsgesetzblatt, 1939. Teil II, Nr. 41, S. 992-993; ein vertrauliches Protokoll über die Ergebnisse der deutsch-estnischen Wirtschaftsbesprechungen ist nicht gedruckt (9288/E 659 235-45). Der Vertrag mit Litauen vom 20. Mai 1939 ist abgedruckt im Reichsgesetzblatt, 1939. Teil II, Nr. 23, S. 790; das vertrauliche Protokoll ist nicht gedruckt (9289/E 659 319-82).
(6) Dies scheint sich auf folgende Geheimabkommen zu beziehen: Deutsch-Lettischer Briefwechsel vom 15. Dez. 1939 betreffend lettische Ausfuhren an dritte Länder sowie die Einfuhr deutscher Fertigwaren nach Lettland (9290/E 659 456-65); Deutsch-Lettischer Briefwechsel vom 11. Jan. 1940 über lettische Kohleneinfuhren aus Deutschland und die Durchfuhr russischer Getreideausfuhren für Deutschland durch Lettland (9290/E 659 466-69); Deutsch-Lettisches Abkommen vom 23. März 1940 über Frachtsätze deutscher Einfuhren bei der Durchfuhr durch Lettland (9290/E 659 472-80); Deutsch-Lettischer Transitvertrag vom 11. Juni 1940 (9290/E 659 481-82); Deutsch-Estnischer Notenaustausch vom 13. Dez. 1939 über Lieferungen von Schieferöl an Deutschland (9288/E 659 290-91); Deutsch-Estnisches Geheimabkommen über estnischen Handel mit neutralen Ländern, unterzeichnet am 6. März 1940 (9288/E 659 292-315); viertes Zusatzabkommen vom 12. März 1940 zum Deutsch-Estnischen Handels- und Schiffahrtsvertrag und dem Deutsch-Estnischen Handelsabkommen (9288/E 659 246-88); erstes Zusatzprotokoll zum Deutsch-Litauischen Handelsabkommen vom 20. Mai 1939 und Deutsch-Litauisches Transitabkommen betreffend litauischen Handel mit neutralen Ländern, beide unterzeichnet am 17. Apr. 1940 (9289/E 659 383-449).
Quellen: Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945, Serie D. Band IX, 463.

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Finland in the Soviet foreign policy 1939-1940