Der Geschäftsträger in Moskau an das Auswärtige Amt

Telegramm

Citissime
Streng geheim
Nr. 2041 vom 26.9.
Moskau, den 27. September 1940 5 Uhr 13
Ankunft: 27. September 9 Uhr 15
 

Auf Telegramm Nr. 1746 vom 26.[9.]
Für Herrn Reichsminister persönlich.
Instruktion weisungsgemäß heute 22 Uhr bei Molotov ausgeführt. Molotov hörte die Mitteilung mit großer Aufmerksamkeit an. Bei Ziffer 6 zeigte Molotov sichtliche Befriedigung und meinte, eine Stellungnahme erübrige sich einstweilen, da die Beantwortung des von Herrn Reichsaußenminister beabsichtigten Briefes an Stalin hierzu Gelegenheit geben würde.
Bevor Molotov auf die Mitteilungen über das Militär-Bündnis mit Japan einging, erkundigte er sich an der Hand eines Drahtberichts der Berliner Sowjetbotschaft nach einem deutsch-finnischen Abkommen, über das der Pressechef Schmidt in der Pressebesprechung Mitteilung gemacht habe im Zusammenhang mit einem finnischen Kommunique, das die Gewährung des Transits für deutsche Truppen durch Finnland nach Norwegen vorsehe. Molotov erwähnte gleichzeitig eine durch Rundfunk verbreitete Meldung Berliner Agentur der United Press, wonach in dem finnischen Hafen Vasa deutsche Truppen gelandet wären. Ich erklärte, daß mir in der Angelegenheit nichts Näheres bekannt sei.
Sodann ausführte Molotov zu dem Militärbündnis nachstehendes: Er nehme die Mitteilung des Herrn Reichsaußenministers dankbar zur Kenntnis. Die Sowjetbotschaft in Tokio habe dieser Tage über den Plan eines solchen Abkommens berichtet. Sowjetregierung sei selbstverständlich an dieser Frage außerordentlich interessiert, da es sich um ein Nachbarland handele, mit dem Sowjetunion durch vielfältige Interessen verbunden sei. Infolgedessen sei es verständlich, daß Sowjetregierung nicht nur ein großes Interesse, sondern auch den Wunsch habe, vorher über das Abkommen und seinen Inhalt unterrichtet zu werden. Diesen begründe Sowjetregierung mit Artikel 3 und 4 Nichtangriffsvertrages. Im umgekehrten Fall würde auch die Sowjetregierung uns vorher informieren und uns Vertragsinhalt zur Kenntnis bringen. Sowjetregierung auslege Artikel 4 so, daß sie einen Anspruch darauf habe, den Vertrag zwischen den Achsenmächten und Japan einzusehen und auch von etwaigen geheimen Protokollen und Vereinbarungen Kenntnis zu erhalten, wobei eine vertrauliche Behandlung von vornherein zugesichert werde. Er bitte um Mitteilung, ob die Deutsche Regierung mit seiner Auslegung des Artikels 4 übereinstimme und wiederhole seinen Wunsch, den Vertragsinhalt vor der Unterzeichnung kennenzulernen, um dazu Stellung nehmen zu können. Sollte die Deutsche Regierung wider Erwarten mit seiner Auslegung des Artikels 4 nicht einverstanden sein, so bitte er, ihm den Standpunkt der Deutschen Regierung mitzuteilen.
Für die Auslassungen Molotovs erscheint mir besonders charakteristisch:
1.) Das große Interesse, das er für den Vertrag mit Japan bekundete.
2.) Das Herumreiten auf Artikel 3 und besonders Artikel 4 Nichtangriffsvertrag, wobei er Artikel 18 wörtlich zitierte.
3.) Das Insistieren auf Einsichtnahme in den Vertragstext einschließlich der geheimen Teile.
Nachdem Molotov seine Ausführungen zur Frage Militärbündnisses beendet hatte, kam er erneut auf das eingangs erwähnte deutsch-finnische Abkommen zurück und erklärte, daß Sowjetregierung seit 3 Tagen Nachrichten über die Landung deutscher Truppen in Vasa, Uleåborg und Pori [Björneborg] erhalte, ohne hierüber von deutscher Seite informiert worden zu sein. Sowjetregierung wünsche Text des Abkommens über den Transit deutscher Truppen durch Finnland einschließlich geheimer Teile zu erhalten. Auch dieser Anspruch resultiere aus den Artikeln 3 und 4 des Nichtangriffsvertrages. Falls wir mit dieser Äusserung der erwähnten Artikel einverstanden seien, bitte er um Mitteilung, welches Ziel das Abkommen habe, gegen wen es gerichtet sei und welche Absichten damit verfolgt würden. In der Öffentlichkeit befasse man sich mit dem Abkommen, während die Sowjetregierung nichts darüber wisse.
Ich erklärte Molotov, ich Seine Abführungen meiner Regierung übermitteln würde.

Tippelskirch


Quelle: Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945, Serie D. Band XI.1, 113, Gebr. Hermes KG, 1964.

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