Drahtweisung des Reichsaußenministers an den Deutschen
Geschäftsträger in Moskau vom 2. Oktober 1940

Berlin, den 2. Oktober 1940
Sofort!

Telegram
(Geheimes Chiffrierverfahren)

Diplogerma

M o s k a u
Nr. 1787
Auf Telegramm Nr. 1041

Ich bitte Sie, Herrn Molotow erneut aufzusuchen und ihm zu seinen Äußerungen folgendes mitzuteilen:
I.

Bei der von ihm erwähnten deutsch-finnischen Abrede handele es sich um eine rein militärtechnische Verkehrsangelegenheit ohne politische Bedeutung. Ebenso wie wir uns mit Schweden über ähnliche Durchtransporte für das Gebiet von Oslo, Drontheim und Narvik über schwedisches Gebiet verständigt hätten, sei eine Abrede mit Finnland über solche Durchtransporte nach dem Gebiet von Kirkenes zustandegekommen. Das Gebiet von Kirkenes, das auch wegen seiner Gruben eines militärischen Schutzes gegen England bedürfe, sei von uns auf dem Landwege nur über finnisches Gebiet zu erreichen. Die Transporte gingen über Uleaborg und Wasa, nicht dagegen über Pori. Bei der rein verkehrstechnischen Bedeutung der Angelegenheit hätten wir natürlich keinen Anlaß gesehen, die Sowjet-Regierung davon besonders zu informieren. Die Abrede mit Finnland sei in Form eines Notenwechsels getroffen, der wörtlich folgende vier Punkte enthalte:

„1.) Die Finnische Regierung gestattet auf Ersuchen der Reichsregierung den Durchtransport von Material mit Begleitpersonal von den nördlichen Ostseehäfen über Rovaniemi auf der nördlichen Eismeerstraße nach Kirkenes in Nordnorwegen.
2.) Die Deutsche Reichsregierung wird der Finnischen Regierung die in Frage kommenden Ausladehäfen, die Anzahl der Transportschiffe, ihre Ankunfts- und Abfahrtstage, sowie die vorgesehenen täglichen Transport strecken in Nordfinnland rechtzeitig mitteilen.
3.) Die deutsche Reichsregierung wird der Finnischen Regierung spätesten einen Tag vor der Ankunft der Transportschiffe eine entsprechende Mitteilung zugehen lassen.
4.) Waffen werden getrennt von den Mannschaften in eigenen Waggons befördert. Über die Zahl der Wachoffiziere und -Mannschaften in den Waffenwaggons wird eine besondere Vereinbarung getroffen."

Falls Herr Molotow ausdrücklich darum bittet, sind Sie ermächtigt, ihm den Wortlaut der vorstehenden vier Punkte in Form einer Notiz zu überlassen.
II.

Was den  D r e i m ä c h t e p a k t  zwischen Deutschland, Italien und Japan anbetreffe, so werde Herr Molotow ja aus dem inzwischen veröffentlichten Inhalt des Paktes, sowie aus der dazu abgegebenen amtlichen deutschen Regierungserklärung ersehen haben, daß die von ihm aufgeworfene Frage hinsichtlich der Artikel 3 und 4 des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes gegenstandslos sei. Zwischen den drei Partnern habe von vornherein volle Übereinstimmung darüber bestanden, daß ihre Abmachungen die Sowjetunion überhaupt nicht berühren sollten. Es sei deshalb im Artikel 5 des Paktes eine denkbar umfassende Formel gewählt worden, die klarstelle, daß nicht nur die mit der Sowjetunion abgeschlossenen Verträge, sondern überhaupt das gesamte politische Verhältnis zur Sowjetunion durch den Pakt nicht geändert würden. Infolgedessen könne nicht die Rede davon sein, daß es sich um eine Mächtegruppierung handele, die sich mittelbar oder unmittelbar im Sinne des Artikels 4 des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes gegen die Sowjetunion richte. Im Gegenteil sei in der deutschen Regierungserklärung deutlich zum Ausdruck gebracht worden, daß die Partner des Dreimächtepakts eine positive Weiterentwicklung der bereits bestehenden Beziehungen zur Sowjetunion ins Auge faßten.
Da also nach ausdrücklicher Feststellung in dem Dreimächtepakt das ganze Verhältnis Deutschlands und ebenso auch das Verhältnis Italiens und Japans zur Sowjetunion völlig außer Spiel bleibe, berühre er nicht gemeinsame deutsch-sowjetische Interessen und falle daher nicht unter die Konsultationsbestimmung im Artikel 3 des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes. Trotzdem hätte ich Wert darauf gelegt, Herrn Molotow zu informieren, sobald die Unterzeichnung des Paktes in sicherer Aussicht stand. Die letzten Entscheidungen in dieser Beziehung seien in Tokio tatsächlich erst am 27. September gefallen.
Im übrigen seien Sie von mir ausdrücklich ermächtigt, Herrn Molotow auf das bestimmteste zu erklären, daß außer dem veröffentlichten Vertragstext keinerlei Abmachungen mit Japan getroffen worden seien. Es bestünden weder geheime Protokolle noch sonstige geheime Vereinbarungen.
Den von mir in Aussicht gestellten Brief an Herrn Stalin hoffte ich in einigen Tagen absenden zu können.

(R.A.M.)
Ribbentrop


Quelle: Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1939-1941. Dokumente des Auswärtigen Amtes. 166. H. Laupp'sche Buchhandlung, Tübingen, 1949.

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