Drahtbericht des Deutschen Geschäftsträgers in Moskau an den Reichs-
außenminister vom 4. Oktober 1940

Telegram (geh. Ch. V.)

Moskau, den 4. Oktober 1940 22.40 Uhr
Ankunft den 5. Oktober 1940 6.30 Uhr
Nr. 2095 vom 4. 10.
Auf Telegramm vom 2. Nr. 1787.
Für Reichsminister persönlich.
Citissime
Geheim.
 

Molotow empfing mich heute 18 Uhr, nachdem er mich zunächst 17 Uhr gebeten hatte, bei der Einfahrt in den Kreml begegnete mir der englische Botschafter in seinem Wagen. Molotow entschuldigte sich bei der Begrüßung, daß er wegen starker Inanspruchnahme Besuchszeit hätte verschieben müssen.
Zu meinen weisungsgemäß ausgeführten Mitteilungen machte Molotow folgende Bemerkungen.

I. Deutsch-finnische Abrede.
Finnland gehöre bekanntlich nach deutsch-sowjetischer Vereinbarung zur Interessenssphäre der Sowjetunion. Das Interesse der Sowjetunion an der Abrede sei daher verständlich und die Sowjetregierung sei aus diesem Grunde an einer rechtzeitigen Information interessiert gewesen. Sowjetregierung lege Wert darauf, wenn möglich eine genauere ergänzende Information über die deutsch-finnische Abrede zu erhalten und zwar über die Anzahl der betreffenden deutschen Truppen über die Dauer der Abrede (einmaliger Akt oder für längere Periode berechnet?) sowie darüber, ob alle deutschen Truppen nur nach Kirkenes gehen würden.
Meine Frage, ob Sowjetregierung nicht auch durch die finnische Regierung unterrichtet worden sei, verneinte Molotow und hinzufügte, die finnische Regierung habe "etwa gleichzeitig mit der Veröffentlichung der Nachricht" Mitteilung gemacht, jedoch die ihr gestellten Fragen bisher noch nicht beantwortet.
Ich sagte Herrn Molotow, daß ich seinen Wunsch nach Berlin mitteilen würde, wobei ich bemerkte, daß meines Wissens ein Verbleib deutscher Truppen in Finnland nicht beabsichtigt sei und daß im übrigen die Voraussetzung für die Abrede die Bedrohung von Kirkenes durch England sei.
Den Wortlaut der vier Punkte habe ich Herrn Molotow auf seinen Wunsch überlassen.

II. Dreimächtepakt.
Herr Molotow: Sowjetregierung müsse die Angelegenheit gründlich prüfen, da meine Mitteilungen Ansichten der deutschen Regierung enthielten, die sich auf die Auslegung der Artikel 3 und 4 des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes bezögen. Er könne daher im Augenblick nichts weiter dazu sagen.

Tippelskirch


Quelle: Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1939-1941. Dokumente des Auswärtigen Amtes. 167. H. Laupp'sche Buchhandlung, Tübingen, 1949.

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