Aufzeichnung über die Unterredung zwischen dem Führer und dem Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare der UdSSR und Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten W. M. Molotow in Anwesenheit des Reichsaußenministers und des stellvertretenden Volkskommissars Dekanosow in Berlin am 12. November 1940

Geheime Reichssache

Nach einigen Begrüßungsworten erklärte der Führer, daß der Gedanke, der ihn bei der nunmehr stattfindenden Aussprache bewege, folgender sei: Im Völkerleben ließe sich zwar die Entwicklung auf lange Zeit hinaus schwer festlegen und oft würde das Entstehen von Konflikten stark von persönlichen Faktoren beeinflußt, trotzdem glaube er, daß man versuchen müsse, auch auf lange Sicht, soweit es gehe, die Entwicklung der Nationen so festzulegen, daß wenigstens nach menschlichem Ermessen Reibungen vermieden und Konfliktstoffe ausgeschlossen würden. Besonders sei dies dann angebracht, wenn zwei Nationen, wie die deutsche und die russische, an ihrer Spitze Männer hätten, die genügend Autorität besäßen, um die Entwicklung ihrer Länder in einer bestimmten Richtung festzulegen. Bei Rußland und Deutschland handele es sich außerdem um zwei sehr große Nationen, die von Natur aus keine Interessengegensätze zu haben brauchten, wenn jede Nation begriffe, daß die andere gewisse Lebensnotwendigkeiten brauche, ohne deren Sicherung ihre Existenz unmöglich sei. Außerdem hätten beide Länder Regierungssysteme, die nicht den Krieg um des Krieges willen führten, sondern den Frieden nötiger hätten als den Krieg, um ihre inneren Aufgaben durchführen zu können. Unter Berücksichtigung der Lebensnotwendigkeiten, besonders auch auf wirtschaftlichem Gebiete, müßte es eigentlich möglich sein, eine Regelung zwischen ihnen zustande zu bringen, die über die Lebensdauer der augenblicklichen Führer hinaus eine friedliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern ermögliche.
Nachdem Molotow sich zu diesen Gedankengängen sehr zustimmend geäußert hatte, fuhr der Führer fort, es sei klar, daß es eine schwere Aufgabe wäre, auf lange Zeit die Entwicklung zwischen Völkern und Staaten festlegen zu wollen. Er glaube aber, daß es möglich sei, gewisse allgemeine Gesichtspunkte gänzlich unabhängig von persönlichen Motiven klar und deutlich herauszuarbeiten und eine derartige Orientierung der politischen und wirtschaftlichen Interessen der Völker vorzunehmen, die doch eine gewisse Sicherheit dafür gebe, daß selbst auf längere Zeiträume hinaus Konflikte vermieden würden. Die Situation, in der die heutige Unterhaltung stattfinde, sei gekennzeichnet durch die Tatsache, daß Deutschland Krieg führe, Sowjetrußland aber nicht. Viele der von Deutschland ergriffenen Maßnahmen seien durch die Tatsache seiner Kriegführung beeinflußt worden. Viele der im Laufe des Krieges notwendigen Schritte hätten sich aus der Kriegführung selbst entwickelt und seien bei Kriegsausbruch noch nicht vorherzusehen gewesen. Im ganzen gesehen hätte nicht nur Deutschland sondern auch Rußland beträchtliche Vorteile realisiert. Näher betrachtet sei für beide Länder die politische Zusammenarbeit während ihrer einjährigen Dauer von erheblichem Nutzen gewesen.
Molotow äußerte dazu, daß dies vollkommen richtig sei.
Der Führer erklärte fortfahrend, daß vielleicht nicht jedes der beiden Völker seine Wünsche hundertprozentig erfüllt bekommen habe. Im politischen Leben sei jedoch eine 20- oder 25-prozentige Realisierung von Forderungen schon sehr viel wert. Er glaube, daß auch in der Zukunft nicht jeder Wunschtraum in Erfüllung gehen werde, daß aber die beiden größten Völker Europas, wenn sie miteinander gingen, auf jeden Fall größeren Gewinn hätten als wenn sie gegeneinander arbeiteten. Wenn sie zusammenhielten, würde für beide Länder immer irgendein Vorteil dabei entstehen. Arbeiteten sie jedoch gegeneinander, so würden ausschließlich dritte Länder die Nutznießer sein.
Molotow erwiderte, daß der Gedankengang des Führers vollkommen richtig sei und von der Geschichte bestätigt würde, besonders zutreffend sei er jedoch für die heutige Situation.
Der Führer führte dann weiter aus, daß er sich aus diesem Gedankengang heraus in einer Zeit, in der die militärischen Operationen im wesentlichen abgeschlossen wären, die Frage der deutsch-russischen Zusammenarbeit ganz nüchtern erneut vorgelegt habe. Der Krieg habe im übrigen zu Weiterungen geführt, die von Deutschland nicht beabsichtigt waren, es aber doch gezwungen hätten, von Fall zu Fall militärisch auf gewisse Vorgänge zu reagieren. Der Führer legte dann Molotow in kurzen Zügen den Verlauf der bisherigen Kampfhandlungen dar, der dazu geführt hätte, daß England nunmehr keinen Festlandsdegen mehr besäße. Er beschrieb im einzelnen die gegen England gegenwärtig durchgeführten Kampfhandlungen und unterstrich den Einfluß der atmosphärischen Bedingungen auf diese Operationen. Die englischen Gegenwirkungen seien lächerlich, und von der Fantasie angeblicher Zerstörungen in Berlin könnten sich die russischen Herren selbst durch Augenschein überzeugen. Sobald die atmosphärischen Bedingungen sich besserten, würde Deutschland zum großen Endschlag gegen England ausholen. Im Augenblick sei es nun sein Bestreben, zu versuchen, nicht nur militärische Vorbereitungen für diesen Endkampf zu treffen, sondern auch die politischen Fragen zu klären, die in und nach dieser Auseinandersetzung eine Rolle spielen würden. Er habe daher das Verhältnis zu Rußland einer neuen Prüfung unterzogen, und zwar nicht nur im negativen Sinne, sondern mit dem Ziel, es, wenn möglich auf lange Sicht hin, positiv auszugestalten. Dabei hätten sich mehrere Schlußfolgerungen ergeben:
1.) Deutschland werbe nicht um militärische Hilfe bei Rußland;
2.) Durch die ungeheure Ausweitung des Krieges sei Deutschland gezwungen gewesen, um England entgegenzutreten, in Gebiete vorzudringen, die ihm fernlägen und an denen es primär politisch und wirtschaftlich nicht interessiert wäre;
3.) Es bestehen indes gewisse Erfordernisse, deren ganze Bedeutung sich erst im Laufe des Krieges herausgestellt hätte, die aber unbedingt lebensnotwendig für Deutschland seien. Dazu gehörten gewisse Rohstoffvorkommen, die von Deutschland als lebenswichtigste Elemente für absolut unentbehrlich angesehen würden. Vielleicht sei Herr Molotow der Ansicht, daß in dem einen oder anderen Falle von den seinerzeit zwischen Stalin und dem Reichsaußenminister festgelegten Auffassungen über die Interessengebiete abgewichen worden sei. Solche Abweichungen hätten sich bereits im Zuge der russischen Operationen gegen Polen in einigen Fällen ergeben. In ruhiger Abwägung der deutschen und der russischen Interessen sei er (der Führer) in einer Reihe von Fällen nicht etwa zu Konzessionen bereit gewesen, sondern habe eingesehen, daß es zweckmäßig sei, den Bedürfnissen Rußlands entgegenzukommen, so z. B. im Falle Litauen. Wirtschaftlich gesehen hätte Litauen immerhin für uns eine gewisse Bedeutung gehabt, aber wir hätten politisch gesehen Verständnis für die Notwendigkeit der Lagebereinigung in diesem ganzen Gebiet gehabt, um dadurch besonders für die Zukunft die geistige Wiederaufnahme von Tendenzen zu verhindern, die geeignet gewesen wäre, Spannungen zwischen den beiden Ländern Deutschland und Rußland entstehen zu lassen. In einem anderen Falle, nämlich der Frage Südtirols hätte Deutschland eine ähnliche Stellung eingenommen. Aber auch für Deutschland seien im Laufe des Krieges Momente eingetreten, die bei Kriegsausbruch nicht vorhergesehen werden konnten, die aber im Rahmen der Kriegs Operationen als absolut lebensnotwendig angesehen werden mußten.
Er (der Führer) habe sich nun die Frage überlegt, wie man über alle kleinen momentanen Überlegungen hinweg in großen Linien die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rußland weiter klären und nach welchen Richtlinien die deutsch-russische Entwicklung weiter vor sich gehen sollte. Für Deutschland handele es sich dabei um folgende Gesichtspunkte:
1.) Die Raumnot. Im Verlaufe des Krieges habe Deutschland so große Gebiete in seine Hand bekommen, daß es 100 Jahre benötige, um sie voll nutzbar zu machen.
2.) Es sei eine gewisse koloniale Ergänzung in Zentralafrika notwendig.
3.) Deutschland hätte gewisse Rohstoffe nötig, deren Bezug es unter allen Umständen sicherstellen müsse. Und
4.) Es könne nicht zulassen, daß in gewissen Gebieten von den Feindmächten Luft- oder Marinestützpunkte eingerichtet würden.
In keinem Falle jedoch würden die Interessen Rußlands berührt. Das russische Reich könne sich ohne die geringste Beeinträchtigung deutscher Interessen entwickeln. (Diesen Gedanken bezeichnete Molotow als sehr richtig). Wenn beide Länder sich diese Erkenntnis zu eigen machten, sie gemeinsame Arbeit zum Nutzen beider verrichten und sich Schwierigkeiten, Spannungen und Nervenbelastungen ersparen könnten. Es sei Vollständig klar, daß Deutschland und Rußland nie eine Welt werden würden. Die beiden Länder würden immer als zwei gewaltige Bestandteile der Welt getrennt von einander bestehen. Jeder von ihnen könne sich seine Zukunft nach eigenem Gutdünken gestalten, wenn er die Interessen des anderen dabei berücksichtige. Deutschland selbst habe in Asien keine Interessen außer allgemein wirtschaftlichen und handelspolitischen. Es habe insbesondere auch keine kolonialen Interessen dort. Es wisse zudem, daß die in Asien denkbaren kolonialen Räume wahrscheinlich an Japan fallen würden. Wenn womöglich auch noch China in den Bannkreis der erwachenden Nationen gezogen würde, wäre angesichts der dort lebenden Menschenmassen jede koloniale Bestrebung von Vornherein zum Scheitern verurteilt.
In Europa lägen zwischen Deutschland, Rußland und Italien eine ganze Reihe von Berührungsmomenten vor. Jedes dieser drei Länder habe das verständliche Bestreben nach einem Zugang zum offenen Meer. Deutschland strebe aus der Nordsee heraus, Italien wolle den Riegel Gibraltar beseitigen und Rußland strebe ebenfalls dem Weltmeer zu. Es frage sich nun, wie weit die Möglichkeit bestehe, daß diese großen Staaten wirklich offene Zugänge zum Weltmeer erhielten, ohne selbst wieder darüber miteinander in Konflikt zu geraten. Unter diesen Gesichtspunkten betrachte er auch die Gestaltung der europäischen Verhältnisse nach dem Kriege. Die führenden Staatsmänner Europas müßten verhindern, daß dieser Krieg der Vater eines neuen Krieges würde. Die zu regelnden Fragen müßten daher so gelöst werden, daß, wenigstens auf absehbare Zeit, nicht wieder ein neuer Konflikt entstehen könne.
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Molotow erwiderte, daß die Erklärungen des Führers allgemeiner Natur gewesen seien und er im allgemeinen diesen Gedankengängen zustimmen könne. Er sei auch seinerseits der Ansicht, daß es im Interesse Deutschlands und der Sowjet-Union läge, wenn beide Länder zusammenarbeiteten und nicht gegeneinander kämpften. Bei der Abreise aus Moskau habe ihm Stalin genaue Weisungen erteilt und alles, was er in der Folge mitteilen würde, sei mit der Ansicht Stalins identisch. Er stimme der Meinung des Führers zu, daß beide Partner an dem deutsch-russischen Abkommen erhebliche Vorteile davongetragen hätten. Deutschland hätte ein sicheres Hinterland erhalten, das, wie allgemein bekannt sei, von großer Bedeutung für den weiteren Verlauf der Ereignisse während des Kriegsjahres gewesen wäre. Deutschland hätte auch in Polen erhebliche wirtschaftliche Vorteile erhalten. Durch den Austausch Litauens gegen die Wojwodschaft Lublin seien alle möglichen Reibungen zwischen Rußland und Deutschland Vermieden worden. Das deutsch-russische Abkommen vom vorigen Jahre könne daher bis auf einen Punkt, nämlich Finnland, als erfüllt angesehen werden. Die Finnlandfrage sei noch ungelöst, und er bitte den Führer, ihm zu sagen, ob das deutsch-russische Abkommen, soweit es sich auf Finnland beziehe, noch in Kraft sei. Nach Ansicht der Sowjetregierung seien hier keine Änderungen eingetreten. Nach Ansicht der Sowjetregierung stelle das deutsch-russische Abkommen vom vorigen Jahr nur eine Teillösung dar. Inzwischen seien andere Fragen herangereift, die ebenfalls gelöst werden müßten.
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Die Besprechung wurde hier mit Rücksicht auf eventuellen Fliegeralarm abgebrochen und auf den nächsten Tag verschoben, wobei der Führer Molotow zusagte, daß er die einzelnen, im Verlauf der Besprechung aufgetauchten Fragen genau mit ihm durchsprechen würde.
Berlin, den 16. November 1940.

(gez.) S c h m i d t


Quelle: Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1939-1941. Dokumente des Auswärtigen Amtes. 184. H. Laupp'sche Buchhandlung, Tübingen, 1949.

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