BERICHT DER INTERNATIONALEN DEPUTATION.

An die 1050 Unterzeichner der an Seine Majestät den Kaiser von Russland und Grossfürsten von Finnland aus verschiedenen Staaten Europas gerichteten zwölf Adressen.

MEINE HERREN!

Sie hatten uns beauftragt, Seiner Majestät dem Kaiser von Russland und Grossfürsten von Finnland die Adressen zu überbringen, die ihren Ursprung der erregten Gemütsstimmung verdanken, welche sich der europäischen Gelehrtenvelt im Hinblick auf den unheilbaren Schlag bemächtigt hat, womit die Verfassung des Grossfürstentums Finnland bedroht wäre, wofern das Kaiserliche Manifest vom 3./15. Februar mit allen möglicherweise sich daraus ergebenden Konsequenzen zur Durchführung gelangen würde.

Wir haben uns unserer Mission in demselben Geiste entledigt, der sie inspiriert hatte, d. h. ohne auch nur einen einzigen Augenblick die Gefühle der Ehrfurcht zu vergessen, die dem erhabenen Souverän gebühren, der vor kurzem einen so glänzenden Beweis seiner Hochherzigkeit gegeben hat, indem er die Zusammenkunft des Haager Kongresses veranlasste.

Als Vertreter eines Gerechtigkeits- uud Einigkeitsideales sind wir einzig und allein bemüht gewesen, alle uns zu Gebote stehenden Mittel zu benutzen, um bis zu Seiner Kaiserlichen Majestät ein Echo von dem Ideal brüderlicher Solidarität dringen zu lassen, welches bei den verschiedenen Völkern alle diejenigen eint, die da glauben, dass - welches auch immer die politischen Formen sein mögen, unter denen die Staaten regiert werden - die Gewähr für den Frieden in der Achtung vor den Grundgesetzen des Rechtes und der Gerechtigkeit liegt.

Es ist uns nicht beschieden gewesen, das Ziel, welches Sie uns angewiesen hatten, vollkommen zu erreichen. Allein wir hegen doch die Hoffnung, dass unser Unternehmen so manche nützliche Spur hinterlassen haben wird, und zwar übersenden wir Ihnen, um Ihnen selber ein Urteil darüber zu ermöglichen, beifolgendes Protokoll, in welchem wir Ihnen von der Anwendung unserer Zeit in St. Petersburg ausführlich Kenntnis geben zu müssen glaubten.

Gedrängt durch ein Gefühl der Ehrerbietung, welches Sie zweifellos billigen werden, übersenden wir noch heute Seiner Majestät dem Kaiser auf postalischem Wege aus Stockholm das allererste Exemplar dieses Protokolls.

Genehmigen Sie, meine Herren, die Versicherung unserer vorzüglichsten Hochachtung.

L. TRARIEUX, Senator, ehemaliger Justizminister.
Baron A. E. NORDENSKIÖLD, Professor zu Stockholm.
E. BRUSA, Dekan der juristischen Fakultät zu Turin, ehemaliger Präsident des Institut de droit international.
W. C. BRØGGER, Professor an der Universität zu Christiania, Dekan der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät.
W. VAN DER VLUGT, Professor der Rechtsphilosophie an der Universität zu Leiden.
C. M. NORMAN-HANSEN, Doktor der Medizin, Direktor der ophthalmologischen Poliklinik zu Kopenhagen.

Protokoll, aufgesetzt von den Delegierten, welche beauftragt waren, Seiner Majestät dem Kaiser von Russland eine - zu Gunsten des Protestes der Finnländer wider das anscheinend in die konstitutionellen Rechte derselben eingreifende Kaiserliche Manifest vom 3./15. Februar 1899 - aus verschiedenen Staaten Europas abgesandte Adresse zu überbringen.
Die Unterzeichneten begaben sich aus ihren resp. Ländern nach St. Petersburg, wo sie am 14./26. Juni 1899 im Hôtel de l'Europe zusammentrafen. Sie hatten den Auftrag erhalten, Seiner Majestät dem Kaiser von Russland und Grossfürsten von Finnland zwölf Adressen einzuhändigen, deren 1050 Unterschriften unter den berufensten Vertretern der schönen wie der exakten Wissenschaften, der Politik und der Künste in Frankreich, England, Deutschland, Österreich, Italien, Schweden, Norwegen, der Schweiz, Dänemark, Ungarn, Holland und Belgien gesammelt worden waren.

Bereits am Tage nach ihrer Aukunft suchten sie bei Seiner Exzellenz dem Hofminister Baron Freedericksz eine Audienz nach, um ihn zu bitten, er wolle seinem Souverän ihren Wunsch, von ihm behufs Erfüllung ihres Mandats empfangen zn werden, gewogentlichst übermitteln.

Nach einigen Einwendungen in Bezug auf die Eigenschaft, die ihn berechtigen könnte, als Vermittler bei einem derartigen Anliegen zu dienen, nahm Seine Exzellenz Baron Freedericksz dasselbe geneigtest entgegen, schickte aber, nach weiterer Ueberlegung, einen Kammerherrn in das Hôtel de l'Europe und liess durch denselben melden, er glaube sein Versprechen nicht einlösen zu können, da ihm die Anrufung seiner Vermittelung entschieden seine Befugnisse zu überschreiten und vielmehr innerhalb derjenigen seines Kollegen vom Ministerium des Innern zu liegen scheine.

Die Unterzeichneten, wandten sich hierauf an den Minister des Innern, Herrn Goremykin, der sie am 18./30. Juni empfing und dem sie ihr Anliegen unterbreiteten. Dieser verhielt sich seinerseits ablehnend gegen dasselbe, indem er bemerkte, dass dasselbe noch weit weniger zu seinem Ressort als zu demjenigen des Hofministers gehöre. Um bei Seiner Majestät dem Kaiser eine Audienz wegen einer Frage zu erlangen, die kein einziges Ministerialdepartement direkt anginge, müsse man seines Erachtens entweder an Allerhöchstdieselben unter Benutzung der Post schreiben oder aber sich an einen Palastadjutanten wenden.

Gemäss diesem Ratschlage begaben sich die Unterzeichneten am 19. Juni/1. Juli nach Peterhof. Durch ein Zusammentreffen, welches registriert zu werden verdient, trafen sie daselbst zu derselben Stunde ein, wie der Kriegsminister General Kuropatkin, der Hofminister und der Generalprokurator des Heiligen Synods, Herr Pobjedonostseff.

Sie (die Unterzeichneten) liessen sich sofort bei dem Palastkommandanten General Hesse anmelden, aber es wurde ihnen die Antwort zu teil, derselbe befände sich in St. Petersburg und in seiner Abwesenheit könnte niemand sie empfangen.

Als sie am Abend in ihr Hotel zurückgekehrt waren, fanden sie daselbst einige Zeilen vom Minister des Innern vor, die an Herrn Trarieux gerichtet waren und eine Einladung für sie enthielten, sich am folgenden Tage zwischen 1 und 2 Uhr nachmittags in seiner Privatwohnung zum Empfang einer sie interessierenden Mitteilung einzufinden.

Am Sonntag, dem 20. Juni/2. Juli, hat zur festgesetzten Stunde dieser Besuch stattgefunden. Während desselben erfuhren die Unterzeichneten, dass Seine Exzellenz der Minister des Innern Instruktionen von Seiner Majestät dem Kaiser empfangen hatte, Allerhöchstwelcher - nachdem Er von ihren verschiedenen Versuchen, von Ihm empfangen zu werden, Kenntnis erhalten - Seine Exzellenz beauftragt hätte, ihnen zu sagen, dass es Ihm unmöglich wäre, ihnen eine Audienz zu gewähren.

Diese Mitteilung erfolgte in den höflichsten Ausdrücken und wurde der Gegenstand einer kurzen Diskussion, bei welcher die Unterzeichneten ihr Befremden und ihr Bedauern darüber ausdrückten, dass es ihnen nicht möglich wäre, eine einfache Botschaft an ihren Bestimmungsort gelangen zu lassen. Der Minister kam infolgedessen damals wieder auf die bereits vorher von ihm geäusserte Idee zurück, dass nämlich jene Botschaft jederzeit der Post anvertraut werden könnte, wofern man auf ihrer Uebermittelung bestände.

Die Weigerung des Kaisers, die erbetene Audienz zu bewilligen, erstrecke sich - so behauptete er - nur auf jenen Punkt: Er glaube eben die Ueberweisung einer Adresse, welche von Ausländern präsentiert würde und die sich auf Fragen der inneren Verwaltung bezöge, nicht gestatten zu können, damit es nicht den Auschein gewänne, als ob Er überhaupt das Prinzip einer derartigen Intervention gelten liesse.

Gleichwohl gestatteten sich die Unterzeichneten die Bemerkung, dass nach ihrer Ausicht die Form, unter welcher sie ihre Mission zu erfüllen versucht hätten, ihnen als die am meisten respektvolle erschienen wäre. Sie hätten sich keineswegs eingebildet, dass sie, durch Nachsuchung einer Audienz bei Seiner Majestät dem Kaiser, diesen zu irgend einer beliebigen Sache verpflichten sollten, da ja ihre Rolle sich darauf beschränkte, ein Echo der öffentlichen Meinung, welche kennen zu lernen Ihm wichtig erscheinen könnte, bis an Seinen Thron gelangen zu lassen. Ausserdem haben sie hinzugefügt: wenn sie darauf verzichten müssten, persönlich Seiner Majestät die betreffenden Adressen zuzustellen, würde es dann nicht wenigstens möglich sein, dieselben deu Händen eines Beamten anzuvertrauen, der die Gewogenheit hätte, sie Ihm zur Einsicht vorzulegen?

Diese Versicherungen machten anscheinend Seine Exzellenz Goremykin einen Augenblick schwankend und er erbot sich, telephonisch nochmals den General Hesse anzufragen, um zu erfahren, ob derselbe nicht doch bereit sein würde, die Adressen behufs Uebermittelung an Seine Majestät den Kaiser in Empfang zu nehmen. Dieser Vorschlag wurde mit grösster Bereitwilligkeit acceptiert, aber die telephonische Verbindung mit Peterhof bestätigte nur von neuem die vorigen Mitteilungen. General Hesse antwortete, die ihm erteilten Befehle wären klar und deutlich und er könnte es sich daher nicht herausnehmen, um neue zu bitten. Dieselben bezögen sich ebenso wohl auf die Weigerung, die Adressen anzunehmen, wie auf die Unmöglichkeit, eine Audienz zu gewähren.

Die Unterzeichneten verabschiedeten sich darauf, indem sie Seiner Exzellenz dem Herrn Minister des Innern für seine liebenswürdige Handlungsweise ihren Dank aussprachen und an ihn die Bitte richteten, er wolle geneigtest - was er denn auch versprach - seinem Souverän wenigstens die ergebenste Versicherung ihrer tiefsten Ehrerbietung übermitteln.

Unter den obwaltenden Umständen gelangen die Unterzeichneten zu der Ueberzeugung, dass ihr Mandat abgelaufen ist, denn sie können sich nicht vorstellen, dass eine postalische Absendung der ihnen anvertrauten Adressen dem Geiste und den Ausdrücken derselben entspricht.

Nicht ohne Interesse dürfte die Mitteilung sein, dass im Laufe dieser Verhandlungen eine Abschrift der zwölf Adressen zunächst dem Herrn Baron Freedericksz übermittelt wurde. Dieser gab dieselben an Herrn Goremykin zurück, welcher sie, nachdem er von ihnen Kenntnis genommen, bei sich verwahrt hat.

Gegeben zu St. Petersburg, den 20. Juni/2. Juli 1899.
L. TRARIEUX, Senator, ehemaliger Justizminister.
Baron A. E. NORDENSKIÖLD, Professor zu Stockholm.
E. BRUSA, Dekan der juristischen Fakultät zu Turin, ehemaliger Präsident des Institut de droit international.
W. C. BRØGGER, Professor an der Universität zu Christiania, Dekan der matematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät.
W. VAN DER VLUGT, Professor der Rechtsphilosophie an der Universität zu Leiden.
C. M. NORMAN-HANSEN, Doktor der Medizin, Direktor der ophthalmologischen Poliklinik zu Kopenhagen.
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