Abschrift
Deutsche Gesandtschaft Kilo, den 7. Dezember 1939.

Sehr verehrter Baron Weizsäcker!

Für Ihr liebenswürdiges Schreiben vom 2. d. M. erlaube ich mir, Ihnen herzlich zu danken. Dieser Dank besieht sich besonders auf die verständnisvollen -ich möchte fast sagen trostreichen - Worte, die Sie für die unerquickliche Lage finden, in die die Ereignisse mich hineingetrieben haben.
Sie schreiben, nun sei das "Verhängnis doch über mein Gastland hineingebrochen". Das ist nur zu wahr und ich nehme natürlich starken persönlichen Anteil an den Menschen und Dingen, die mir vertraut und lieb geworden sind. Aber meine wahren Befürchtungen gelten weniger Finnland als Deutschland. Ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, daß mit dem Angriff der Russen auf Finnland ein Verhängnis auch über Deutschland hereinbricht.
Ich entnehme aus Ihrem Instruktionstelegramm Nr. 442 vom 5. Dezember, daß die in meinem Telegramm Nr. 388 vom gleichen Tage angeregte Einschaltung in Verständigungsversuche nicht mehr in Frage kommt. Dann muß der Strom der Ereignisse also ungehemmt weiter rollen, ohne Damm und ohne Deiche.
Wer hier Gelegenheit hat, die einmütige Entschlossenheit des zwar kleinen, aber zäh - verbissenen, sportlich gestählten und militärisch tüchtigen Volkes zu sehen, wer das Land mit seinen Sümpfen, Seen, Felsen, Wäldern und rauhen Klima kennt, der kann schwer glauben, daß die Russen leichtes Spiel haben werden. Im Gegenteil, der Krieg kann lange dauern und mag den Russen manche Niederlage und muß ihnen schwere Verluste eintragen.
Der Krieg wird sich voraussichtlich so abspielen, daß die Russen angesichts der schweren Zugänglichkeit der finnischen Küste auf jedes Landungsmanöver verzichten, daß sie ihre Landstreitkräfte an der Karelischen Enge und nördlich des Ladogasees einsetzen und dort um jeden Fußbreit Bodens kämpfen müssen. Während dem werden sie versuchen, durch Bombenangriffe größten Ausmasses Städte, Fabrikanlagen, Eisenbahnen und Brücken zu zerstören, um die Widerstandskraft des finnischen Volkes zu zermürben. Da Städte und große Anlagen evakuiert sind, werden die Russen mit ihrem Vorgehen nur Sachschaden anrichten. Schon nach einigen Monaten wird dieses blühende Land, das in den 20 Jahren seiner Selbständigkeit seine Agrarproduktion verdoppelte und seine Industrieproduktion verdreifachte, in einen Trümmerhaufen verwandelt sein.
Damit ist das Volk noch nicht unterworfen, denn es ist in allen Kreisen bereit, zu primitivsten Verhältnissen zurückzukehren und den Freiheitskampf weiterzuführen. Aber für uns scheidet damit Finnland als Lieferant wichtigster Kriegsrohstoffe - Kupfer, Molybden und eventuell später Nickel und Erz - sowie tierischer Lebensmittel - vor allem auch Fisch aus dem Eismeer - aus. Herr van Scherpenberg kann Ihnen im einzelnen ausführen, was das für uns bedeutet.
Dazu kommt, daß das einzige Meer, auf dem unsere Schiffe bisher wie in Friedenszeiten Handel und Verkehr vermitteln konnten, Kriegsgebiet wird mit Minengefahr und allen weiteren Einschränkungen.
Schließlich ist gar nicht zu übersehen, wieweit der Brand im Norden läuft, nachdem Rußland jetzt die Fackel des Krieges ins finnische Territorium geschleudert hat. Erzbezug aus Schweden und ähnliche Fragen drängen sich von selbst auf.
Zusammenfassend möchte ich sagen, daß Rußland, das keinerlei Werte in Finnland oder im übrigen Norden zu verlieren hat, sein jetziges Vorgehen aus deutscher Tasche bezahlt. Das russische Unternehmen kostet Deutschland
1. Lahmlegung des Schiffsverkehrs nach Finnland.
2. Aufhören des Handels mit Finnland.
3. Evakuierung des gesamten Deutschtums und Verschleuderung der von den Deutschen in jahrzehntelanger Arbeit geschaffenen Werte.
4. Gefahr der Lahmlegung des gesamten Ostseehandels und der Ausdehnung des Kriege auf den übrigen Norden.
Ich brauche Ihnen zum Schluß nicht zu versichern, daß ich mich in allen Unterhaltungen Dritten gegenüber streng an die gegebenen Instruktionen halte, aber meinen Vorgesetzten gegenüber betrachte ich es als meine Pflicht, die Gedankengänge zum Ausdruck zu bringen, die sich aus der Perspektive meines Postens ergeben.
Wenn ich eine Bitte äußern darf, so ginge sie dahin, daß Sie Herrn von Grundherr Kenntnis von diesem Briefe geben.
Ich schließe mit nochmaligen Dank für Ihre freundlichen Zeilen, bitte um Handkuß bei der Baronin, wünsche Ihnen insbesondere für Ihre in Felde stehenden Söhne alles Gute und bin mit Heil Hitler

stets Ihr ergebenster
(gez.) Blücher        


Quelle: Translation in English: Documents on German foreign policy 1918-1945. Series D. Volume VIII. No. 426. Washington, Department of State, publication 5436, 1954. Das Originaldokument aus den amerikanischen Mikrofilmkopien in der Nationalarchiv Finnlands.

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