Aufzeichnung über die Unterredung zwischen dem Führer und dem Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare Molotow in Anwesenheit des Reichsaußenministers und des stellvertretenden Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten Dekanosow in Berlin am 13. November 1940

RM

Der Führer knüpfte an die Bemerkung Molotows während des gestrigen Gesprächs an, nach der die deutsch-russische Vereinbarung mit Ausnahme eines Punktes, nämlich Finnlands, erfüllt worden sei.
Molotow präzisierte, daß sich diese Bemerkung nicht nur auf die deutsch-russische Vereinbarung selbst, sondern vor allen Dingen auch auf die Geheimprotokolle bezogen habe.
Der Führer erwiderte, daß in dem Geheimprotokoll Einflußzonen und Interessengebiete zwischen Deutschland und Rußland festgelegt und aufgeteilt worden seien. Soweit es sich dabei um tatsächliche Besitzergreifung gehandelt habe, habe man sich deutscherseits an die Abmachungen gehalten, was auf russischer Seite nicht absolut der Fall gewesen sei. Jedenfalls habe Deutschland kein Gebiet besetzt, das innerhalb der russischen Interessensphäre liege.
Bereits gestern sei Litauen erwähnt worden. Es könne kein Zweifel darüber bestehen, daß in diesem Falle die Abweichungen von der ursprünglichen deutsch-russischen Abmachung im wesentlichen auf eine russische Initiative zurückgingen. Ob später einmal wirklich aus der Teilung von Polen die Schwierigkeiten erwachsen wären, deren Vermeidung die Russen zu ihrem Vorschlag veranlaßt hatte, könne dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall sei die Wojewodschaft Lublin kein wirtschaftlicher Ersatz für Litauen gewesen. Jedoch habe man auf deutscher Seite eingesehen, daß sich im Zug der Ereignisse eine Lage ergab, die Korrekturen an der ursprünglichen Vereinbarung notwendig machte.
Das Gleiche gelte für die Bukowina. An sich hätte sich Deutschland in der ursprünglichen Vereinbarung nur an Bessarabien desinteressiert. Trotzdem habe es auch hier eingesehen, daß die Korrektur der Abmachung unter gewissen Gesichtspunkten für den anderen Partner zweckmäßig sei.
Ganz ähnlich sei die Lage bezüglich Finnlands. Deutschland habe dort kein politisches Interesse. Das sei der Russischen Regierung bekannt. Während des russisch-finnischen Krieges habe Deutschland peinlichst alle seine Verpflichtungen hinsichtlich einer absolut wohlwollenden Neutralität eingehalten.
Molotow warf hier ein, daß die Russische Regierung an der Haltung Deutschlands in diesem Konflikt nichts auszusetzen gehabt hätte.
Der Führer wies in diesem Zusammenhang noch darauf hin, daß er sogar Schiffe in Bergen angehalten hätte, die Waffen und Munition nach Finnland transportierten, wozu Deutschland an und für sich kein Recht gehabt habe. Deutschland hätte sich durch seine Haltung im russisch-finnischen Krieg in einen schweren Gegensatz zur übrigen Welt, besonders aber zu Schweden gebracht. Die Folge davon war, daß es während des anschließenden Norwegen-Feldzuges, der an und für sich schon erhebliche Risiken mit sich brachte, eine große Zahl von Divisionen zur Sicherung gegen Schweden einsetzen mußte, die es andernfalls nicht gebraucht hätte.
Die eigentliche Lage sei folgende: Gemäß den deutsch-russischen Abmachungen erkenne Deutschland an, daß Finnland politisch in erster Linie Rußland interessiere und in dessen Interessenzone läge. Jedoch ergäben sich für Deutschland zwei Gesichtspunkte:
1.) sei es für die Dauer des Krieges sehr stark an den Nickel- und Holzlieferungen aus Finnland interessiert, und
2.) wünsche es keinen neuen Konflikt in der Ostsee, der seine Bewegungsfreiheit in einem der wenigen Handelsmeere, die es noch besäße, einenge. Wenn behauptet würde, daß Finnland von deutschen Truppen besetzt sei, so sei dies völlig unzutreffend. Allerdings würden durch Finnland Truppen nach Kirkenes transportiert, worüber Rußland offiziell von Deutschland unterrichtet worden sei. Wegen der Länge der Reiseroute müßten die Züge unterwegs zwei- bis dreimal auf finnischem Gebiet halten. Sobald jedoch die Durchfuhr des zu transportierenden Truppenkontigents abgeschlossen sei, würden keine weiteren Truppen mehr durch Finnland befördert werden. Er (der Führer) weise darauf hin, daß sowohl das deutsche als auch das russische Interesse natürlicherweise dahin gehe, die Ostsee nicht erneut zu einem Kampfgebiet werden zu lassen. Seit dem russisch-finnischen Krieg sei ein Umschwung in den militärischen Operationsmöglichkeiten insofern eingetreten, als England über Fernbomber und Zerstörer mit großer Reichweite verfüge. Dadurch hätten die Engländer die Möglichkeit, sich in finnischen Flughäfen festzusetzen.
Hinzu käme noch ein rein psychologischer Faktor, der außerordentlich belastend sei. Die Finnen hätten sich tapfer verteidigt und die Sympathie der Welt und insbesondere Skandinaviens gewonnen. Auch in Deutschland habe während des russisch-finnischen Krieges unter dem Volk eine gewisse Gereiztheit über die Haltung geherrscht, die Deutschland auf Grund der Abmachungen mit Rußland einnehmen mußte und auch tatsächlich eingenommen hat. Aus den vorstehenden Erwägungen heraus wünsche Deutschland keinen neuen finnischen Krieg. Aber die rechtmäßigen Ansprüche Rußlands würden dadurch nicht berührt. Deutschland habe dies durch seine Haltung zu verschiedenen Fragen, u. a. zur Frage der Befestigung der Aalandsinseln, immer wieder bewiesen. Für die Dauer des Krieges jedoch seien seine wirtschaftlichen Interessen in Finnland genau so bedeutend wie in Rumänien. Deutschland erwarte die Rücksichtnahme auf diese Interessen umso mehr, als es selbst auch seinerzeit in der Frage Litauen und Bukowina Verständnis für die russischen Wünsche gezeigt habe. Jedenfalls hätte es keinerlei politische Interessen in Finnland und akzeptiere die Tatsache der Zugehörigkeit dieses Landes zur russischen Einflußzone vollständig.
In seiner Erwiderung wies Molotow darauf hin, daß sich das Abkommen von 1939 auf eine bestimmte Etappe der Entwicklung bezogen habe, die mit der Beendigung des Polenkrieges abgeschlossen wurde, während die zweite Etappe mit der Niederlage Frankreichs ihr Ende fand und man jetzt eigentlich in der dritten Etappe stehe. Er erinnerte daran, daß durch das ursprüngliche Abkommen mit dem Geheimprotokoll die gemeinsame deutsch-russische Grenze festgelegt und Fragen hinsichtlich der baltischen Anliegerstaaten, Rumäniens, Finnlands und Polens geregelt worden wären. Er stimme im übrigen den Bemerkungen des Führers über die vorgenommenen Korrekturen zu. Wenn er jedoch eine Bilanz der sich nach der Niederlage Frankreichs ergebenden Situation zöge, so müsse er erklären, daß das deutsch-russische Abkommen nicht ohne Einfluß auf die großen deutschen Siege gewesen sei.
Zur Frage der Korrektur der ursprünglichen Abmachung hinsichtlich Litauens und der Wojewodschaft Lublin wies Molotow darauf hin, daß die Sowjetunion nicht auf dieser Korrektur bestanden haben würde, wenn Deutschland es nicht gewollt hätte. Er glaube nur, daß die neue Lösung im beiderseitigen Interesse gelegen habe.
Der RAM warf hier ein, daß zwar Rußland diese Korrektur nicht zu einer absoluten Bedingung gemacht habe, sich immerhin aber dafür sehr stark eingesetzt hätte.
Molotow blieb dabei, daß sich die Sowjetregierung nicht geweigert haben würde, die Dinge so zu belassen, wie sie im ursprünglichen Abkommen vorgesehen waren. Jedenfalls habe aber Deutschland für das Entgegenkommen in Litauen auf dem Gebiet in Polen einen Ausgleich erhalten.
Der Führer warf hier ein, daß man wirtschaftlich gesehen bei diesem Tausch nicht von einem Ausgleich sprechen könnte.
Molotow kam dann auf die Frage des litauischen Gebietszipfels zu sprechen und betonte, daß die Sowjetregierung von Deutschland in dieser Frage immer noch keine klare Antwort erhalten habe. Sie erwarte jedoch eine Stellungnahme.
Bezüglich der Bukowina gab er zu, daß es sich hier um ein zusätzliches, nicht im Geheimprotokoll erwähntes Gebiet handle. Rußland habe seine Forderungen zunächst auf die Nordbukowina beschränkt. Unter den gegenwärtigen Umständen müsse jedoch Deutschland Verständnis für das russische Interesse an der Südbukowina haben. Auch hier hätte jedoch Rußland auf seine diesbezügliche Anfrage keine Antwort erhalten. Statt dessen hätte Deutschland das ganze Staatsgebiet Rumäniens garantiert und die russischen Wünsche bezüglich Südbukowina völlig übergangen.
Der Führer erwiderte, daß es ein erhebliches Entgegenkommen von deutscher Seite bedeute, wenn überhaupt ein Teil der Bukowina von Rußland besetzt werden konnte. Nach einer mündlichen Abmachung sollten die ehemaligen österreichischen Gebiete in die deutsche Interessensphäre fallen. Im übrigen seien die zur russischen Zone gehörenden Gebiete namentlich erwähnt worden, w. z. Bessarabien. Von der Bukowina stehe jedoch kein Wort in den Abmachungen. Schließlich sei auch die genaue Bedeutung des Wortes „Einflußsphäre" nicht weiter definiert worden. Jedenfalls habe Deutschland hier nicht im geringsten gegen das Abkommen verstoßen. Auf den Einwand Molotows, daß die Korrekturen bezüglich des litauischen Gebietszipfels und der Bukowina im Vergleich zu den Korrekturen, die Deutschland anderswo durch die Waffen vorgenommen habe, keine sehr große Bedeutung hätten, erwiderte der Führer, daß die sogenannten „Waffenkorrekturen" ja überhaupt nicht Gegenstand des Abkommens gewesen wären.
Molotow beharrte jedoch auf seiner vorher geäußerten Meinung, daß die beiden von Rußland gewünschten Korrekturen von verschwindender Bedeutung seien.
Der Führer erwiderte, daß, wenn die deutsch-russische Zusammenarbeit in der Zukunft positive Ergebnisse zeitigen solle, die Sowjetregierung begreifen müsse, daß sich Deutschland in einem Kampf auf Leben und Tod befinde, den es unter allen Umständen erfolgreich beenden wolle. Dazu seien eine Reihe von wirtschaftlich und militärisch bedingten Voraussetzungen notwendig, die sich Deutschland unter allen Umständen sicherstellen wolle. Wenn sich die Sowjetunion in einer ähnlichen Lage befände, so würde und müßte Deutschland dann auch seinerseits ein gleiches Verständnis für die russischen Erfordernisse aufbringen. Die Voraussetzungen, die Deutschland sich sichern wolle, widersprächen den Abmachungen mit Rußland nicht. Der deutsche Wunsch, einen Krieg in der Ostsee mit unabsehbaren Folgen zu vermeiden, bedeute keinen Verstoß gegen die deutsch-russischen Abmachungen, wonach Finnland in die russische Einflußzone falle. Die auf Wunsch und Ersuchen der rumänischen Regierung gegebene Garantie sei kein Verstoß gegen die Abmachungen bezüglich Bessarabiens. Die Sowjetunion müsse sich darüber klar sein, daß im Rahmen einer erweiterten Zusammenarbeit der beiden Länder Vorteile ganz anderen Ausmaßes als die unbedeutenden Korrekturen, die jetzt zur Debatte stünden, zu erreichen seien. Es würden sich dann viel größere Erfolge erzielen lassen, unter der Voraussetzung, daß von Rußland nicht jetzt Erfolge in Gebieten gesucht würden, an denen Deutschland im Kriege interessiert sei. Die zukünftigen Erfolge würden um so größer sein, je mehr es Deutschland und Rußland gelänge, Rücken an Rücken nach außen zu kämpfen, und würden um so kleiner werden, je mehr die beiden Länder Brust an Brust gegeneinander stünden. Im ersteren Fall gäbe es keine Macht der Welt, die sich den beiden Ländern entgegenstellen könne.
Molotow erklärte sich in seiner Erwiderung mit den letzten Schlußfolgerungen des Führers einverstanden. Er unterstrich dabei den Standpunkt der Sowjetführer und insbesondere Stalins, daß es möglich und zweckmäßig sei, die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu vertiefen und zu aktivieren. Um diesen Beziehungen jedoch eine dauerhafte Grundlage zu geben, müßten auch Fragen bereinigt werden, die zwar von nebensächlicher Bedeutung seien, jedoch die Atmosphäre des deutsch-russischen Verhältnisses verdürben. Zu diesen Fragen gehöre Finnland. Bei gutem Einvernehmen zwischen Rußland und Deutschland würde sich diese Frage ohne Krieg lösen lassen, jedoch dürften weder deutsche Truppen in Finnland sein, noch politische Demonstrationen gegen die sowjetrussische Regierung in diesem Lande stattfinden.
Der Führer erwiderte, daß der zweite Punkt auf keinen Fall zur Debatte stehen könne, da Deutschland mit diesen Dingen nicht das Geringste zu tun habe. Demonstrationen seien im übrigen leicht zu veranstalten, und es sei hinterher schwer, festzustellen, wer der eigentliche Arrangeur gewesen sei. Bezüglich der deutschen Truppen könne er jedoch versichern, daß, wenn eine allgemeine Regelung zustande käme, keine deutschen Truppen mehr in Finnland auftreten würden.
Molotow erwiderte, daß er unter Demonstrationen auch Entsendung von finnischen Delegationen nach Deutschland oder Empfänge finnischer Persönlichkeiten in Deutschland verstehe. Die Tatsache der Anwesenheit deutscher Truppen habe im übrigen zu einer zweideutigen Haltung Finnlands geführt. So würden z. B. Parolen ausgegeben, daß "niemand ein Finne sei, der sich mit dem letzten russisch-finnischen Friedensvertrag einverstanden erkläre", und dergleichen.
Der Führer erwiderte, daß Deutschland immer nur mäßigend gewirkt habe und sowohl Finnland als auch vor allen Dingen Rumänien zur Annahme der russischen Forderungen geraten hätte.
Molotow erwiderte, daß es die Sowjetregierung für ihre Pflicht halte, die finnische Frage endgültig zu bereinigen und klarzustellen. Dazu bedürfe es keiner neuen Abmachungen. Das alte deutsch-russische Abkommen teile Finnland der russischen Interessensphäre zu.
Der Führer erklärte abschließend zu diesem Punkt, daß Deutschland in der Ostsee keinen Krieg wünsche und Finnland als Lieferant von Nickel und Holz dringend benötige. Politisch sei es nicht interessiert, hätte auch im Gegensatz zu Rußland kein finnisches Gebiet besetzt. Der Durchmarsch der deutschen Truppen würde im übrigen in diesen Tagen beendet sein. Weitere Transporte würden dann nicht mehr erfolgen. Die entscheidende Frage für Deutschland sei, ob Rußland die Absicht habe, mit Finnland Krieg zu führen.
Molotow beantwortete diese Frage etwas ausweichend mit der Erklärung, daß alles glatt gehen würde, wenn die finnische Regierung die zweideutige Haltung gegenüber der UdSSR aufgebe und wenn in der Bevölkerung die Hetze gegen Rußland (Ausgabe von Losungen, wie der vorher erwähnten) aufhöre.
Auf den Einwand des Führers, daß er fürchte, Schweden würde das nächste Mal in einen russisch-finnischen Krieg eingreifen, erwiderte Molotow, daß er über Schweden nichts sagen könne, jedoch betonen müsse, daß sowohl Deutschland als auch die Sowjetunion an der Neutralität Schwedens interessiert seien. Beide Länder seien selbstverständlich auch an der Ruhe in der Ostsee interessiert, jedoch sei die Sowjetunion durchaus in der Lage, den Frieden in diesem Gebiet sicherzustellen.
Der Führer erwiderte, daß man vielleicht in einem anderen Teil Europas erleben würde, wie auch das beste militärische Wollen durch geographische Gegebenheiten außerordentlich beeinträchtigt würde. Er könne sich daher vorstellen, daß sich in Schweden und Finnland bei einem neuen Konflikt eine Art Widerstandszelle bildete, die England oder auch Amerika Flugstützpunkte liefere. Dies würde Deutschland zum Eingreifen zwingen. Er (der Führer) würde dies jedoch sehr ungern tun. Er habe bereits gestern erwähnt, daß sich in Saloniki vielleicht auch die Notwendigkeit eines Eingreifens ergeben würde, und der Fall Saloniki genüge ihm vollständig. Er habe kein Interesse daran, auch noch im Norden erneut tätig werden zu müssen. Er wiederholte, daß bei einer zukünftigen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern ganz andere Ergebnisse erzielt werden könnten und daß im Zuge des Friedens Rußland doch alles bekäme, was ihm nach seiner Meinung zustehe. Es würde sich vielleicht nur um eine Verzögerung von 6 Monaten oder einem Jahr handeln. Außerdem habe die finnische Regierung soeben eine Note geschickt, in der sie die engste und freundschaftlichste Zusammenarbeit mit Rußland zusichere.
Molotow erwiderte, daß die Worte nicht immer den Taten entsprächen, und blieb bei seiner vorher bereits geäußerten Ansicht, daß der Friede im Ostseeraum absolut gesichert werden könne, wenn zwischen Deutschland und Rußland in der finnischen Angelegenheit volle Klarheit geschaffen sei. Er sehe unter diesen Umständen nicht ein, weshalb Rußland die Realisierung seiner Wünsche um ein halbes oder ein ganzes Jahr verschieben solle. Das deutsch-russische Abkommen enthalte doch keine Fristen, und keinem der Partner seien in seiner Interessensphäre die Hände gebunden.
Unter Hinweis auf Änderungen des Abkommens, die auf russischen Wunsch erfolgt seien, erklärte der Führer, daß es in der Ostsee keinen Krieg geben dürfte. Ein Ostseekonflikt würde für die deutsch-russischen Beziehungen und für die große Zusammenarbeit der Zukunft eine starke Belastung darstellen. Seiner Auffassung nach sei jedoch eine zukünftige Zusammenarbeit wichtiger als die Bereinigung zweitklassiger Fragen im jetzigen Augenblick.
Molotow erwiderte, daß es sich nicht um den Krieg in der Ostsee, sondern um die Finnlandfrage und ihre Bereinigung im Rahmen des vorjährigen Abkommens handele. Auf eine Frage des Führers erklärte er, daß er sich diese Bereinigung in demselben Ausmaß wie in Bessarabien und in den Randstaaten vorstelle, und bat den Führer, dazu Stellung zu nehmen.
Als der Führer darauf erwiderte, daß er nur wiederholen könne, daß es keinen Krieg mit Finnland geben dürfe, weil ein solcher Konflikt tiefgehende Rückwirkungen haben könnte, erklärte Molotow, daß durch diese Stellungnahme ein neues im vorjährigen Vertrag nicht zum Ausdruck gekommenes Moment in die Erörterung hineingetragen würde.
Der Führer erwiderte, daß Deutschland während des russisch-finnischen Krieges trotz der Gefahr, daß im Zusammenhang damit alliierte Stützpunkte in Skandinavien entstehen könnten, peinlichst seine Verpflichtungen Rußland gegenüber eingehalten und Finnland immer nur zum Einlenken geraten habe.
Der RAM. wies in diesem Zusammenhang darauf hin, daß Deutschland sogar so weit gegangen sei, dem finnischen Staatspräsidenten die Benutzung einer deutschen Kabelleitung für eine Rundfunkansprache nach Amerika zu untersagen.
Der Führer führte dann weiter aus, daß genau so wie Rußland seinerzeit darauf hingewiesen habe, daß eine Teilung Polens zu einer Belastung des deutsch-russischen Verhältnisses führen könne, er jetzt mit derselben Offenheit erkläre, daß ein Krieg in Finnland eine solche Belastung der deutsch-russischen Beziehungen darstellen würde, und er bäte die Russen, in diesem Fall genau dasselbe Verständnis zu zeigen, wie er es vor Jahresfrist in der Polenfrage an den Tag gelegt hätte. Bei der Genialität der russischen Diplomatie würden sich sicherlich Mittel und Wege finden lassen, um einen solchen Krieg zu vermeiden.
Molotow erwiderte, ihm sei die deutsche Befürchtung, es könne möglicherweise in der Ostsee ein Krieg ausbrechen, unverständlich. Im Vorjahre, als die internationale Lage für Deutschland schlechter war als jetzt, habe das Reich diese Frage nicht aufgeworfen. Ganz abgesehen davon, daß Deutschland Dänemark, Norwegen, Holland und Belgien besetzt halte, habe es Frankreich völlig niedergeschlagen und glaube auch, England bereits besiegt zu haben. Er (Molotow) sehe nicht, woher unter diesen Umständen die Gefahr eines Krieges in der Ostsee kommen solle. Er müsse verlangen, daß Deutschland die gleiche Haltung einnehme wie im Vorjahre. Wenn es dies vorbehaltlos täte, würden bestimmt im Zusammenhang mit der finnischen Frage keine Komplikationen entstehen. Wenn es allerdings Vorbehalte mache, entstehe eine neue Lage, über die dann gesprochen werden müsse.
In Erwiderung der Ausführungen Molotows über die militärische Gefahrlosigkeit der finnischen Frage betonte der Führer, daß auch er von militärischen Dingen einiges verstehe und es durchaus für möglich hielte, daß sich bei einer Teilnahme Schwedens an einem eventl. Krieg Amerika in diesen Gegenden festsetze. Er (der Führer) wolle den europäischen Krieg beenden und könne nur wiederholen, daß ein neuer Krieg in der Ostsee eine Belastung des deutsch-russischen Verhältnisses darstellen würde mit Konsequenzen, die angesichts der ungeklärten Haltung Schwedens nicht abzusehen wären. Würde denn Rußland an Amerika den Krieg erklären, falls dieses im Zusammenhang mit dem finnischen Konflikt intervenieren würde?
Als Molotow darauf entgegnete, daß diese Frage nicht aktuell sei, erwiderte der Führer, daß es zu einer Stellungnahme zu spät wäre, wenn sie aktuell würde. Als Molotow dann erklärte, daß er kein Anzeichen für den Ausbruch eines Krieges in der Ostsee sehe, erwiderte der Führer, daß in diesem Fall ja alles in Ordnung wäre und die ganze Diskussion eigentlich einen rein theoretischen Charakter trage.
Der RAM wies zusammenfassend darauf hin, daß
1.) der Führer erklärt habe, Finnland bleibe in der Interessensphäre Rußlands und Deutschland würde dort keine Truppen unterhalten;
2.) Deutschland nichts mit den Demonstrationen Finnlands gegen Rußland zu tun habe, sondern seinen Einfluß in entgegengesetzter Richtung geltend mache, und
3.) das entscheidende Problem von säkularer Bedeutung in der Zusammenarbeit beider Länder liege, die ja in der Vergangenheit schon für Rußland große Vorteile mit sich gebracht habe, in der Zukunft aber Vorteile zeitigen würde, neben denen die Dinge, die jetzt erörtert worden seien, völlig unbedeutend erscheinen würden. Es liege eigentlich keine Veranlassung vor, aus der finnischen Frage überhaupt ein Problem zu machen. Vielleicht handele es sich lediglich um ein Mißverständnis. Im übrigen habe ja Rußland durch seinen Friedensschluß mit Finnland strategisch seine sämtlichen Wünsche erfüllt. Demonstrationen seien in einem besiegten Lande nicht ganz unnatürlich, und wenn etwa der Durchmarsch der deutschen Truppen bei der finnischen Bevölkerung gewisse Reaktionen hervorgerufen haben sollte, so würden diese mit dem Aufhören der Durchmärsche ebenfalls verschwinden. Wenn man daher die Dinge real betrachte, so bestünden keine Divergenzen zwischen Deutschland und Rußland.
Der Führer wies darauf hin, daß sich beide Teile grundsätzlich darüber einig seien, daß Finnland zur russischen Interessensphäre gehöre. Anstatt daher eine rein theoretische Diskussion fortzusetzen, solle man sich lieber wichtigeren Problemen zuwenden.
---
An diesem Punkt der Unterhaltung machte der Führer auf die vorgerückte Zeit aufmerksam und erklärte, es sei angesichts der Möglichkeit von englischen Luftangriffen besser, die Besprechung jetzt abzubrechen, da die Hauptpunkte wohl genügend erörtert wären.
Zusammenfassend erklärte er, daß in der Folge die Möglichkeiten, Rußlands Interessen als Schwarzes Meer Macht zu sichern, weiter untersucht werden und überhaupt die weiteren Wünsche Rußlands in Bezug auf seine künftige Stellung in der Welt in Betracht gezogen werden müßten.
In einem Schlußwort erklärte Molotow, daß sich für Sowjetrußland eine ganze Reihe von großen und neuen Fragen ergeben habe. Die Sowjetunion könne als mächtiger Staat nicht abseits der großen Fragen in Europa und Asien stehen.
Er kam dann noch auf die russisch-japanischen Beziehungen zu sprechen, die sich vor kurzem gebessert hätten. Er sähe voraus, daß die Verbesserung in einem noch schnelleren Tempo weitergehen würde, und danke der Reichsregierung für ihre Bemühungen in dieser Richtung.
Hinsichtlich der japanisch-chinesischen Beziehungen sei es sicherlich die Aufgabe Rußlands und Deutschlands, für ihre Regelung zu sorgen. Es müsse aber dabei ein ehrenvoller Ausgang für China gesichert werden, umsomehr als Japan jetzt Aussicht auf "Indonesien" hätte.

Berlin, November 15, 1940.

Schmidt


Quelle: Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1939-1941. Dokumente des Auswärtigen Amtes. 185. H. Laupp'sche Buchhandlung, Tübingen, 1949.

Bildreportage in NS-Propagandazeitschrift "Signal" (deutschsprachige Auflage nur für die Schweiz), nr. 17, Dezember 1940

Früher (Nov. 12) | Finland in der Großmachtpolitik | Weiter (Nov. 25).