In English.

Der Botschafter in Moskau an das Auswärtige Amt
Telegram

Citissime Moskau, den 8. Januar 1940 16 Uhr 41
Geheim Ankunft: 8. Januar 21 Uhr 05
Nr. 47 vom 8.1.

Auf Telegramm Nr. 10 vom 3.1. (Pol VI 21) und Nr. 42 vom 6.1. (Pol VI 32 g I).
Nach fünfwöchigen Angriffen hat Rote Armee in Finnland bis jetzt an keiner Stelle einen nennenswerten Erfolg erzielt. Das langsame Vorwärtskommen der Roten Armee und einzelne Rückschläge sind auf geschickte Abwehr der Finnen Gelände- und Witterungsschwierigkeiten, vor allem durch sehr erhebliche Mängel der sowjetischen Organisation, besonders hinsichtlich Ausrüstung und Versorgung, zurückzuführen. Trotzdem kann an schließlichem Erfolg der Roten Armee in diesem Kampf nicht gezweifelt werden. Er ist lediglich eine Frage der Zeit, deren vermutliche Dauer sich jeder Voraussicht entzieht.
Diese Lage ist dadurch entstanden, daß Sowjetregierung auf solchen Krieg nicht genügend vorbereitet war, da sie damit gerechnet hatte, daß sich Finnland ebenso wie Baltenstaaten ihrem Willen schließlich beugen würde. Falsche Einschätzung der Lage durch Finnische Regierung hat dazu geführt, daß Sowjetregierung sich zur Gewaltanwendung gezwungen sah, um Prestigeverlust zu vermeiden, nachdem sie sich durch Rede Molotovs vor Oberstem Sowjet am 31. Oktober auf bestimmtes Mindestprogramm festgelegt hatte.
Krieg gegen Finnland war von Anfang an bei Bevölkerung Sowjetunion unpopulär. Kriegsfurcht, die bei hiesiger Masse von jeher stark war und durch Abschluß Nichtangriffspaktes mit Deutschland zeitweilig gemildert wurde, hat durch finnischen Konflikt neue Nahrung erhalten. Diese Stimmung wird verstärkt durch Ausbleiben von Erfolgen an finnischer Front, durch Zunehmen Versorgungsschwierigkeiten, Nachrichten über bevorstehende Preiserhöhung und große Anzahl Rotarmisten, die mit erfrorenen Gliedern Provinz-Hospitale füllen.
Eine Bestätigung der bestehenden Schwierigkeiten sehe ich in einer Äußerung Molotovs, mit dem ich gestern in Konferenzsitzung eine Unterredung hatte und der in Verbindung mit dem finnischen Konflikt von einer ernsten Lage, der Stärke finnischer Befestigungen und ungünstiger Auswirkung strenger Fröste sprach.
Auf meine Frage, wie Sowjetregierung die Möglichkeit einer Unterstützung durch dritte Staaten, insbesondere durch Schweden und Norwegen einschätze, sagte Molotov, Sowjetregierung sei sich der Gefahr, die sich aus einer Ausnutzung Schwedens und Norwegens durch England und Frankreich ergeben würde, bewußt und habe daher die beiden Regierungen am 5. Januar bzw. 6. Januar durch entsprechende Noten verwarnt. In diesen Noten habe Sowjetregierung Schweden und Norwegen die Duldung von feindlichen, gegen die Sowjetregierung gerichteten und mit der Neutralität dieser beiden Staaten unvereinbarenden Handlungen vorgeworfen und auf Möglichkeit der Entstehung von Komplikationen hingewiesen. Norwegische Regierung habe umgehend geantwortet, ihren Willen zur strikten neutralen Haltung beteuert und gewisse Vorgänge in Norwegen privaten Kreisen sowie der oppositionellen Presse in die Schuhe geschoben. Von Schweden ausstehe eine offizielle schriftliche Anwort noch, jedoch habe Günther bei Entgegennahme Note in provisorischer Form eine ähnliche Antwort bereits mündlich erteilt.
Im übrigen rechne Sowjetregierung damit, daß Deutsche Regierung ihren bestehenden Einfluß auf Schweden entsprechend einsetzen werde.
Meine Bemerkung, daß die Finnländer nach Lage der Dinge nicht mit einem Enderfolg rechnen könnten und daher vermutlich bereit sein dürften, mit Sowjetregierung in Verhandlung einzutreten, beantwortete Molotov bemerkenswerterweise nicht mit einer strikten Ablehnung, sondern mit den Worten, daß es hierfür „spät, sehr spät" sei und die Finnländer besser daran getan hätten, die sowjetischen Forderungen seinerzeit anzunehmen.
Beilegung sowjetisch-finnischen Konfliktes würde meines Erachtens englische Absichten durchkreuzen, Sowjetunion wesentliche Entlastung bringen und für Deutschland - falls sie mit unserer Hilfe erfolge — großen Prestigegewinn bedeuten, von anderen Vorteilen, z. B. ungestörtem Bezug schwedischen Erzes, abgesehen. Jedoch erheben sich hierbei zunächst folgende gegenwärtig noch vollständig offene Fragen:

1.) Gestattet das Ansehen Sowjetunion bei dieser Sachlage überhaupt die Aufnahme von Verhandlungen?
2) Welche Bedingungen wird sie dabei stellen?

Unzweifelhaft erscheint mir, daß, wenn überhaupt eine solche Möglichkeit besteht oder sich ergeben sollte, die Persönlichkeit Tanners, der hier als der „böse Geist" der seinerzeitigen Verhandlungen gilt, ausscheidet.

Schulenburg


Quelle: Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945, Serie D. Band VIII, 513, P. Keppler Verlag KG, 1961.

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