In English.

2110/456728-82

Aufzeichnung des Assessors Besser [Wirtschaftspol. Abt.]

Sitzung betreffend Finnland am 28. März 1940, 18 Uhr

Anwesend: Min. Rat Ludwig (RWM), Reg. Rat Mützelburg (RWM), Ges. Schnurre (AA), LR van Scherpenberg [AA), Ges. Rat Kreutzwald (AA, Deutsche Gesandtschaft Helsinki), Ass. Besser (AA).

Eingangs gab Herr Kreutzwald einen kurzen Überblick über die unmittelbaren Auswirkungen des russisch-finnischen Krieges auf Finnland. Die Stimmung Deutschland gegenüber sei ausgesprochen unfreundlich; man fühle sich von Deutschland im Stich gelassen oder sogar «verkauft". Man setze seine Hoffnung nach wie vor auf die Westmächte und erwarte, daß ein Unterliegen Deutschlands auch zu einer Wiederherstellung der alten finnischen Grenzen führen werde.
Herr Schnurre schilderte kurz die Abmachungen, die in letzter Zeit mit Lettland und Estland getroffen worden seien und im Verhältnis zu Litauen vorm Abschluß stünden.1) Es sei im AA der Gedanke aufgetaucht, in ähnlicher Weise das wirtschaftliche Verhältnis zu Finnland zu regeln. Irgendeine Regelung halte auch er für not- wendig, um die bisherigen lebensnotwendigen Bezüge Deutschlands aus Finnland zu erhalten und zu erweitern. Derartige Abmachungen müßten umgehend getroffen werden, um ähnlichen Wünschen Rußlands und der Westmächte zuvorzukommen. Herr Kreutzwald wies demgegenüber darauf hin, daß eine Erweiterung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Finnland und Rußland bei der gegenwärtigen Einstellung der Finnen für absehbare Zeit nicht zu erwarten sei. Dagegen müsse damit gerechnet werden, daß ein aktives Vorgehen der Engländer aus den angedeuteten politischen Erwägungen bei den Finnen auf Entgegenkommen stoßen würde. Verhandlungen, wie sie mit den Baltischen Staaten geführt worden seien, halte er im Falle Finnlands für wenig erfolgversprechend. Zwar befinde sich Finnland in einer Zwangslage; jedoch könne Finnland wegen seines Zuganges zum Welthandel über Schweden und Norwegen den Baltischen Staaten nicht gleichgestellt werden. Auch Herr Ludwig äußerte Bedenken hinsichtlich des Abschlusses von Abmachungen mit Finnland nach baltischem Muster, da England bei einer Abschneidung seiner Bezüge aus Finnland auch die finnische Einfuhr sperren werde.
Herr Schnurre betonte, auch er fürchte, daß deutsche Vorschläge nach dem baltischen Muster bei Finnland der Ablehnung verfallen und weitere Verhandlungen erschweren würden. Er halte es für richtiger, mit den Finnen über ein «Sofortprogramm" für Lieferung einiger für Deutschland lebensnotwendiger Rohstoffe aus Finnland zu verhandeln, eine Erweiterung dieses Mindestprogramms aber späteren Verhandlungen vorzubehalten.
Bei der Behandlung der Frage, welche Lieferungen in das aufzustellende Sofortprogramm aufzunehmen seien, kam es zu den folgenden Erörterungen:
1.) Kupfer. Herr Ludwig erklärte, die gesamte Kupferproduktion Finnlands sei schon bisher nach Deutschland gegangen. Es handele sich um 13 000 t jährlich, von denen 2 000 t als Halbzeug nach Finnland zurückgegangen, 11 000 t in Deutschland verblieben seien. Diese Bezüge seien bis Ende 1940 gesichert. Die eingetretenen Lieferstockungen seien nur auf Transportschwierigkeiten zurückzuführen. Er hege keinen Zweifel, daß nach der bevorstehenden Behebung dieser Schwierigkeiten die finnischen Lieferungen in vollem Umfang wieder aufgenommen werden würden. Die Verlängerung dieser Lieferverpflichtung um 3 Jahre, die Steigerung der Kupferförderung und die Erschließung des Nickelvorkommens Nivala sei im Oktober 1939 gegen die Lieferung von 134 deutschen 2-cm-Flaks 2) zugesagt worden. Von diesen Flaks seien 50 St[ück] geliefert worden. Es müsse damit gerechnet werden, daß die Finnen die Erfüllung der von ihnen im Oktober 1939 gegebenen Zusagen von der Auslieferung der restlichen 84 Flaks abhängig machen wurden. - Es soll geklärt werden, ob den Finnen dahingehende Zusagen gegeben werden können.
2. ) Molybdän. Herr Ludwig erklärte, die Molybdänvorkommen seien nach wie vor in finnischem Besitz. Herr Kreutzwald wies aber darauf hin, daß die in unmittelbarer Nähe des Kampfgebiets gelegenen Anlagen durch Kriegseinwirkungen erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden seien. Herr Ludwig stellte fest, daß die Molybdänerzeugung ebenfalls durch feste Verträge für Deutschland bereits gesichert sei.
3. ) Nickel. Es bestand Einigkeit darüber, daß mit einer Förderung aus dem Nivala-Vorkommen für die nächste Zeit noch nicht gerechnet werden kann. Das Hauptaugen- merk sei daher auf Petsamo zu richten. Hierbei werde es sich nur um die Verschiffung von Nickelerzen handeln können, da die für Petsamo bestimmten Verhüttungs- anlagen infolge des Kriegsausbruches in England zurückgehalten wurden. Wie Herr Kreutzwald betonte, haben die Grubenanlagen in Petsamo durch den Krieg erheblich gelitten. Mit einer Aufnahme der Fördertätigkeit durch die kanadische Konzes- sionsgesellschaft sei zur Zeit um so weniger zu rechnen, als die Konzessionsbedingungen eine Pflicht zur Förderung auf absehbare Zeit hin noch nicht vorsähen. Es wurde hervorgehoben, daß eine befriedigende Regelung dieses Punktes nur in der Weise erreichbar sein dürfte, daß die Finnische Regierung durch einen von Deutschland ausgeübten politischen Druck die Gruben entweder in eigene Regie nimmt oder zumindest die Konzessionäre zu vorzeitiger Aufnahme der Förderung veranlaßt. Es bestand Übereinstimmung darüber, daß die Sicherung der Petsamo-Produktion als schwierigste Frage der bevorstehenden Verhandlungen anzusehen sei. Mit russischer Unterstützung sei kaum zu rechnen.
4.) Schwefelkies. Herr Ludwig wies auf die Notwendigkeit hin, die für die Gewinnung von Kupfer und Kobalt wichtigen finnischen Schwefelkiese für Deutschland zu sichern. Hier sei am ehesten eine Kollision mit russischen Interessen zu befürchten.
Anschließend wurden die sonstigen Posten der bisherigen finnischen Ausfuhr erörtert. Herr Ludwig gab auf Grund des ihm vorliegenden Materials bekannt, daß der Hauptausfuhrposten in Zellstoff bestanden habe, wovon der größte Teil nach England gegangen sei. An zweiter Stelle stünden Gruben-, Papier- und Schnittholz, wovon ebenfalls der größte Teil nach England, ein gewisser Teil auch nach Deutschland gegangen sei. Schließlich hätten Papier und Pappe bei der finnischen Ausfuhr eine große Rolle gespielt.
Übereinstimmend wurde festgestellt, daß Deutschland kein Interesse daran haben könne, den Handel mit Finnland auf diesen Gebieten auszudehnen. Die Einfuhr dieser Erzeugnisse sei für Deutschland nicht lebensnotwendig. Zum anderen werde die Bezahlung durch deutsche Gegenlieferungen auf große Schwierigkeiten stoßen, da die wichtigsten finnischen Einfuhrposten (Eisen, Metall und Metallwaren, Kohlen) von Deutschland nicht in ausreichendem Maße geliefert werden könnten. Dies werde sich besonders dann zeigen, wenn, wie zu erwarten sei, die Finnische Regierung ein Wiederaufbauprogramm aufstellen und die bisherige Einfuhr von Verbrauchs- und Luxusgütern einschränken werde. Es bestand Ubereinstimmung, daß auch aus diesem Grunde ein Vorgehen, wie es den Baltischen Staaten gegenüber zweckmäßig war, bei Finnland auch nicht im deutsdien Interesse liegen würde.
Schließlich wurde betont, daß die durch die Abmachungen vom 12. 3. 40,3) also kurz vor Friedensschluß, von deutscher Seite bewilligte Kreditgewährung von RM 10 Mill. ein wesentliches Aktivum bei den bevorstehenden deutsch-finnischen Verhandlungen bilde.
Es ist vorgesehen, Herrn Schnurre als Sonderbevollmächtigten der Deutschen Reichsregierung, begleitet von Herrn Ludwig, auf einige Tage nach Helsinki zu entsenden, um mit Ministerpräsident Ryti und anderen höchsten finnischen Regierungsstellen über das oben gekennzeichnete Sofort-Programm zu verhandeln. Die Reise nach Helsinki soll am 8.4. angetreten werden.4

1 Siehe Dokument Nr. 463. Anm. 4 und 5.
2 Dokumente über diese Verhandlungen befinden sich auf den Filmen 2110 und 9831.
3 Dokumente über diese Abmachungen sind nicht ermittelt worden.
4 Einzelheiten über Schnurres Verhandlungen in Helsinki sind nicht ermittelt worden; siehe jedoch Dokument Nr. 293, Anm. 1.

Besser


Sources: Documents on German foreign policy 1918-1945, Series D, IX, Nr. 19. Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945, Serie D. Band IX, 19.

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