President Mannerheims Brief an Reichskanzler Adolf Hitler den 2.9.1944

»In dieser Stunde, da schwere Entscheidungen bevorstehen, habe ich das Bedürfnis, Sie darüber aufzuklären, daß ich zu der überzeugung gekommen bin, daß die Rettung meines Volkes mir die Pflicht auferlegt, einen schnellen Ausweg aus dem Kriege zu finden.

Die ungünstige Entwicklung der allgemeinen Kriegslage beschränkt in immer größerem Ausmaß Deutschlands Möglichkeiten, uns in den Stunden höchster Not, die mit Bestimmtheit vorauszusehen sind, zur rechten Zeit und in gesichertem Umfang die Hilfe zu bringen, die wir dringend brauchen werden und die Deutschland uns zukommen zu lassen gewiß aufrichtig wünscht. Allein die überführung einer einzigen deutschen Division nach Finnland nimmt soviel Zeit in Anspruch, daß unser Widerstand gegen die feindliche übermacht unterdessen zusammenbrechen kann. Und nur für diese Eventualität eine genügende Anzahl von Divisionen dauernd hier in Finnland in Bereitschaft zu halten, das erlaubt, so viel ich verstehe, die Lage nicht. Auch die Erfahrungen des vergangenen Sommers bestätigen diese Annahme.

Die von mir wiedergegebene Beurteilung der Kriegslage wird von einer wachsenden Mehrheit der finnischen Volksvertretung geteilt. Selbst wenn ich anderer Meinung wäre, könnte ich es mit der Rücksicht auf unsere Staatsverfassung nicht länger vereinbaren, den schon jetzt deutlich hervortretenden Willen der Mehrzahl des Volkes unberücksichtigt zu lassen. Als Generalfeldmarschall Keitel mich kürzlich in Ihrem Auftrag besuchte, betonte er, daß Großdeutschlands Volk, wenn das Schicksal es erforderte, zweifellos noch zehn Jahre lang Krieg führen könnte. Ich erwiderte hierauf auch wenn man hoffen könnte, daß dies bei einer Nation von neunzig Millionen seine Richtigkeit hätte, wären doch wir Finnen rein physisch außerstande, einen längeren Krieg durchzuhalten. Schon große Angriffsunternehmen der Russen im Juni haben meine Reserven erschöpft. Wir können uns einen ähnlichen Blutverlust nicht mehr erlauben, ohne das ganze weitere Bestehen der kleinen finnischen Nation zu gefährden.

Ich möchte besonders darauf hinweisen, daß Deutschland, auch wenn das Schicksal Ihren Waffen den Sieg versagen sollte, dennoch weiterleben wird. Eine ähnliche Versicherung kann niemand für Finnland abgeben. Wenn dieses Volk von kaum vier Millionen militärisch besiegt ist, kann kein Zweifel darüber herrschen, daß es vertrieben oder ausgerottet wird. Dieser Möglichkeit darf ich mein Volk nicht aussetzen.

Wenn ich auch kaum zu hoffen wage, daß mein Standpunkt und meine Beweggründe von Ihnen als richtig gebilligt werden, wollte ich Ihnen doch vor der Entscheidung diese Zeilen zukommen lassen.

Unsere Wege werden sich wahrscheinlich sehr bald scheiden. Aber die Erinnerung an unsere deutschen Waffenbrüder wird hier weiterleben. In Finnland waren die Deutschen ja gewiß nicht die Vertreter einer fremden Gewaltherrschaft, sondern Helfer und Waffenbrüder. Aber auch so ist die Stellung der Fremden schwierig und erfordert viel. Ich kann Ihnen bezeugen, daß während der ganzen vergangenen Jahre in Finnland auch nichts passiert ist, das uns dazu hätte verleiten können, in den deutschen Truppen Eindringlinge oder Bedrücker zu sehen. Ich glaube, daß das Verhalten der deutschen Armee in Nordfinnland zu der lokalen Bevölkerung und zu den heimischen Behörden als ein unter ähnlichen Verhältnissen vielleicht einzig dastehendes Beispiel von korrekten und herzlichen Beziehungen in unsere Geschichte eingehen wird.

Ich halte es für meine Pflicht, mein Volk aus dem Kriege herauszuführen. Ich kann und ich will unsere Waffen, die uns so freigebig geliefert wurden, nie aus eigenem Willen gegen Deutsche wenden. Ich hege die Hoffnung, daß Sie, auch wenn Sie meinen Schritt mißbilligen, ebenso wie ich und wie alle Finnen doch den Wunsch und das Bestreben haben werden die Abwicklung der bisherigen Verhältnisse ohne jede nur irgendwie zu vermeidende Zuspitzung durchzuführen.»
Quelle: G. Mannerheim: Erinnerungen. Atlantis Verlag A.G. Zürich, 1952.

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